EKG-Kriterien
- Sokolow-Lyon-Index: S(V1) + R(V5 oder V6) > 35 mm (bei Erwachsenen)
- R(aVL) > 11 mm
- Gubner-Ungerleider-Kriterium: R(I) + S(III) > 25 mm
- Cornell-Spannungskriterium: R(aVL) + S(V3) > 28 mm bei Männern, > 20 mm bei Frauen
- Romhilt-Estes-Kriterien: Punktesumme aus Spannungs- und Nicht-Spannungsmerkmalen (Lageachse, ST-T, Linksherzvergrößerung, QRS-Dauer)
- Beurteilung im Kontext: QRS-Breite, Lageachse, ST-T-Strecke, Alter und Statur des Patienten
Wie es im EKG aussieht
Die Amplitude der QRS-Zacken überschreitet bei erhaltener Komplexbreite (schmaler QRS, sofern kein begleitender Block vorliegt) in einer oder mehreren Ableitungen die üblichen Werte. Am häufigsten werden die Brustwandableitungen beurteilt: tiefes S in V1–V2 und hohes R in V5–V6. In den Extremitätenableitungen zeigt sich ein hohes R in I und aVL sowie ein tiefes S in III.
| Kriterium | Ableitungen | Grenzwert |
|---|---|---|
| Sokolow-Lyon | S(V1) + R(V5/V6) | > 35 mm |
| Gubner-Ungerleider | R(I) + S(III) | > 25 mm |
| Cornell | R(aVL) + S(V3) | > 28 mm (M), > 20 mm (F) |
| aVL isoliert | R(aVL) | > 11 mm |
Bei physiologischer oder isolierter hoher Spannung zeigen sich die ST-Strecke und die T-Welle oft unauffällig. Das Auftreten einer absteigenden ST-Streckensenkung und einer asymmetrischen negativen T-Welle in den Ableitungen mit hohem R (V5–V6, I, aVL) entspricht dem Strain-Muster. Dieses unterstützt die Diagnose einer Linksherzhypertrophie mit systolischer Belastung, ist jedoch nicht spezifisch und erfordert eine klinische Beurteilung: Ähnliche ST-T-Veränderungen treten bei Ischämie, Medikamenteneinfluss und anderen Zuständen auf.
Echte EKGs: 8 Beispiele

EKG aus dem öffentlich zugänglichen PTB-XL-Datensatz (Wagner P. et al., Scientific Data, 2020; PhysioNet), Lizenz CC BY 4.0. Visualisierung durch WhiteCoat Pro.
Mechanismus
Die QRS-Amplitude spiegelt die summierte elektrische Aktivität des Myokards der Ventrikel wider, die von der Elektrode registriert wird. Sie hängt von der Masse und Ausrichtung des Myokards (eine Hypertrophie vergrößert den Depolarisationsvektor), vom Abstand zwischen Herz und Elektrode (schlanke Statur, dünne Brustwand, Kinder und junge Erwachsene – höhere Amplitude) sowie von der Dämpfung des Signals im Gewebe auf dem Weg zur Haut (Fettgewebe, Luft in der Lunge, Flüssigkeit schwächen das Signal ab) ab. Technische Faktoren – wie mangelhafter Elektrodenkontakt oder falsche Kalibrierung – können die gemessene Amplitude ebenfalls verändern, ohne dass sich das Myokard selbst verändert hat.
Ursachen
- Normvariante bei jungen, schlanken Personen und Sportlern mit dünner Brustwand
- Linksherzhypertrophie (arterielle Hypertonie, Aortenklappenstenose)
- Rechtsventrikuläre Hypertrophie
- Hypertrophe Kardiomyopathie
- Athletenherz (physiologische Hypertrophie bei trainierten Sportlern)
- Technische Ursachen: unvollständiger Elektrodenkontakt, Kalibrierungsfehler des Geräts
Differenzialdiagnose
Linksherzhypertrophie – eine hohe Spannung ist nur eines von mehreren EKG-Kriterien; Bewertungssysteme (Sokolow-Lyon, Cornell, Romhilt-Estes) umfassen Spannungsmerkmale und in einigen Fällen auch Nicht-Spannungsmerkmale, wobei das Fehlen einzelner Kriterien eine LVH jedoch nicht ausschließt. Eine QRS-Verbreiterung gehört nicht zu den typischen Merkmalen einer reinen LVH und erfordert eine gesonderte Beurteilung im Hinblick auf einen Schenkelblock oder eine andere intraventrikuläre Erregungsleitungsstörung. Die anatomische Hypertrophie wird mittels Echokardiographie oder anderer bildgebender Verfahren bestätigt. Ein Ventrikelprätexitationssyndrom (WPW) erkennt man an einem verkürzten PQ-Intervall, einer Delta-Welle und einem breiten QRS-Komplex; eine hohe Spannung ist kein typisches oder obligates Merkmal des WPW-Syndroms, und die Spannungskriterien für eine LVH sind bei einer Prätexitation unzuverlässig. Linksschenkelblock – die Amplitude kann hoch sein, der QRS-Komplex ist breit (≥120 ms) mit charakteristischer Morphologie; bei einem kompletten Linksschenkelblock sind die Standard-Spannungskriterien für eine LVH wenig verlässlich, und die Auswertung erfolgt unter Berücksichtigung der Blockmorphologie und der klinischen Daten. Technischer Artefakt – überprüfen Sie den Kalibrierungsimpuls (sollte 10 mm betragen) und die korrekte Platzierung der Elektroden.
Klinische Bedeutung und Taktik
Eine isolierte hohe QRS-Spannung bei einem jungen, gesunden Menschen ohne Risikofaktoren erfordert in der Regel keine weiterführende Diagnostik und wird als Normvariante gewertet. Bei einer Kombination mit anderen Hypertrophiekriterien (ST-T-Veränderungen, Lagetypabweichung, Linksherzvergrößerung) sollte der Arzt den Verdacht auf eine strukturelle Herzerkrankung schöpfen und den Patienten zur Echokardiographie überweisen, um eine Hypertrophie zu bestätigen und deren Ursache abzuklären. Die Spannungskriterien einer LVH (Sokolow-Lyon, Cornell, Romhilt-Estes) weisen eine hohe Spezifität, aber eine geringe Sensitivität auf – insbesondere bei adipösen Personen, bei denen die Spannung selbst bei echtem Vorliegen einer Hypertrophie niedrig ausfallen kann.
Häufige Fehler bei der Auswertung
- Diagnostik einer LVH allein anhand der Spannung ohne Berücksichtigung von ST-T, Achslage und Klinik
- Das Überprüfen des Kalibrierungssignals vor der Amplitudenmessung unterlassen
- Eine hohe Spannung bei schlanken, jungen Patienten mit einer pathologischen Hypertrophie verwechseln
- Eine QRS-Verbreiterung ignorieren, welche die Interpretation (Schenkelblock, WPW) zugunsten einer anderen Diagnose verändert
- Die erwachsenen Schwellenwerte des Cornell-Kriteriums ohne geschlechtsspezifische Anpassung anwenden
1. Welches der folgenden Kriterien gehört zum Sokolow-Lyon-Index?
Die klassische Brustwandvariante des Sokolow-Lyon-Index nutzt die Summe aus S(V1) und dem maximalen R in V5 oder V6.
2. Was unterscheidet eine hohe QRS-Spannung von einer LVH mit systolischer Belastung?
Die systolische Belastung ergänzt die Spannungskriterien um charakteristische ST-T-Veränderungen, während eine isolierte hohe Spannung diese Veränderungen nicht aufweist.
3. Bei welcher Patientengruppe stellt eine hohe QRS-Spannung am häufigsten eine Normvariante dar?
Eine dünne Brustwand bei jungen und schlanken Menschen verkürzt den Abstand zwischen Herz und Elektrode, wodurch die Amplitude ohne das Vorliegen einer strukturellen Pathologie erhöht wird.
Häufig gestellte Fragen
Bedeutet eine hohe QRS-Spannung immer eine Linksherzhypertrophie?
Nein. Dies ist lediglich eines von mehreren Kriterien, die mit der QRS-Breite, der Herzachse, ST-T-Veränderungen und dem klinischen Bild abgeglichen werden müssen. Bei jungen, schlanken Personen ist eine hohe Spannung oft eine Normvariante.
Wie unterscheidet man eine hohe QRS-Spannung von einer LVH mit Überlastung?
Bei einer einfachen hohen Spannung sind die ST-Strecke und die T-Welle in der Regel unauffällig. Das Auftreten einer absteigenden ST-Streckensenkung und einer asymmetrischen negativen T-Welle in Ableitungen mit hohem R spricht für eine Hypertrophie mit systolischer Belastung, auch wenn dieses Muster nicht streng spezifisch ist.
Ist eine hohe QRS-Spannung an sich gefährlich?
Das Merkmal an sich ist nicht gefährlich und erfordert kein sofortiges Eingreifen. Die Gefahr wird durch die zugrundeliegende Erkrankung bestimmt – sofern eine solche vorliegt, wie etwa arterielle Hypertonie oder hypertrophe Kardiomyopathie.
Welches Kriterium wird am häufigsten zur EKG-Diagnostik der LVH verwendet?
Am häufigsten werden der Sokolow-Lyon-Index und das Cornell-Spannungskriterium angewendet, bisweilen in Kombination mit dem Romhilt-Estes-Punktesystem zur Erhöhung der diagnostischen Genauigkeit.
Ist bei einem zufällig gefundenen hohen QRS-Wert eine zusätzliche Untersuchung erforderlich?
Wenn keine anderen EKG-Zeichen einer Überlastung und keine klinischen Risikofaktoren vorliegen, ist eine zusätzliche Untersuchung nicht zwingend erforderlich. Bei Kombination mit ST-T-Veränderungen oder Risikofaktoren ist eine Echokardiographie indiziert.
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Quellen
- Goldberger A.L. Clinical Electrocardiography: A Simplified Approach, 2017
- Surawicz B., Knilans T.K. Chou's Electrocardiography in Clinical Practice, 2008
- Orlow W. N. Leitfaden der Elektrokardiographie
- AHA/ACCF/HRS Recommendations for the Standardization of the Electrocardiogram, 2009
Lehrmaterial für Medizinstudierende und Ärzte. Ersetzt weder klinische Leitlinien noch die ärztliche Untersuchung; ein EKG wird stets im klinischen Kontext interpretiert.


