EKG-Kriterien
- Tiefe der S-Zacke in Ableitung V1 messen (in mm)
- Höhe der R-Zacke in Ableitung V5 oder V6 messen — es wird der größere der beiden Werte genommen (in mm)
- S(V1) + R(V5 oder V6) addieren
- Eine Summe von ≥35 mm (3,5 mV) entspricht dem Voltatekriterium für eine LHV bei Erwachsenen
- R in aVL ≥11 mm — ein separates, eigenständiges Voltatekriterium für LHV, nicht Teil des Sokolow-Lyon-Index; das Gubner-Ungerleider-Kriterium ist ein anderer Parameter: R(I) + S(III) >25 mm
- Kalibrierung der Aufzeichnung überprüfen (1 mV = 10 mm bei Standardverstärkung), da der Index sonst verfälscht wird
- Begleitende LHV-Zeichen bewerten: Lagetypänderung (elektrische Achse) nach links, QRS-Verbreiterung, sekundäre ST-T-Veränderungen
Wie es im EKG aussieht
Der Index wird anhand der Zackenamplituden in den Brustwandableitungen berechnet. Herangezogen werden die Tiefe von S in V1 (spiegelt die dorsale Orientierung des Depolarisationsvektors bei erhöhter linksventrikulärer Masse wider) und die Höhe von R in V5 oder V6 (spiegelt den überwiegenden Vektor in Richtung der linken Brustwandelektroden wider). Die Messung erfolgt in Millimetern bei bekannter Kalibrierung, üblicherweise 10 mm/mV; die Papiervorschubgeschwindigkeit beeinflusst die Amplitudenberechnung nicht.
| Ableitung | Was gemessen wird | Typische Rolle |
|---|---|---|
| V1 | S-Tiefe | dorsaler/rechter Vektor |
| V5 oder V6 | R-Höhe | linker/lateraler Vektor |
Eine Summe von ≥35 mm (3,5 mV) entspricht dem Voltatekriterium für eine LHV bei Erwachsenen; dieser Befund allein bestätigt oder widerlegt keine anatomische LHV und muss im Kontext anderer EKG-Zeichen sowie bildgebender Verfahren bewertet werden. Einige Quellen nutzen zudem das separate Kriterium R(V5 oder V6) >26 mm als eigenständiges Merkmal hoher Voltagen. Bei einer LHV finden sich oft begleitend eine Linkslagetypänderung, eine mäßige QRS-Verbreiterung (ohne vollständigen Block), in ausgeprägten Fällen eine ST-Strecken-Depression und T-Wellen-Inversion in I, aVL, V5–V6 (Zeichen der systolischen Überlastung, engl. strain pattern).
Mechanismus
Bei einer Linksherzhypertrophie nimmt die Muskelmasse zu, und die Dauer sowie Amplitude der linksventrikulären Wanddepolarisation vergrößern sich. Der Depolarisationsvektor verschiebt sich nach links und dorsal, wodurch die negative Komponente in den rechten Brustwandableitungen (tiefes S in V1) und die positive in den linken (hohes R in V5–V6) verstärkt werden. Die Summe dieser Amplituden spiegelt näherungsweise das Ausmaß der Muskelmassenzunahme wider, wenngleich keine lineare Korrelation zur wahren Myokardmasse (laut Echokardiographie) besteht.
Ursachen
- Arterielle Hypertonie (häufigste Ursache)
- Aortenklappenstenose und andere Vitien mit linksventrikulärer Drucküberlastung
- Hypertrophe Kardiomyopathie
- Aortenisthmusstenose
- Intensive körperliche Trainingseinheiten (physiologische LHV bei Sportlern)
- Adipositas (kann mit Remodellierung und LHV assoziiert sein, senkt jedoch häufig die QRS-Amplitude und maskiert deren EKG-Zeichen)
Differenzialdiagnose
- Normaler hoher Voltagenstatus bei jungen, schlanken Personen und Sportlern — ein isolierter Anstieg des Index ohne andere LHV-Zeichen (Lagetyp, ST-T) ist mit Vorsicht zu interpretieren
- Linksschenkelblock — breiter QRS-Komplex mit anderer Morphologie, die LHV-Voltatekriterien finden in diesem Fall keine Anwendung
- WPW-Syndrom mit Delta-Welle — Pseudohypertrophie-Voltagen aufgrund anomaler Erregungsleitung
- Septale Hypertrophie bei HOCM — die Voltage kann ohne typische Überlastungskonfiguration erhöht sein
Klinische Bedeutung und Taktik
Ein hoher Sokolow-Lyon-Index ist ein unabhängiger Marker für ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko (Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz, plötzlicher Herztod), insbesondere bei Patienten mit arterieller Hypertonie. Die Spezifität des Kriteriums ist hoch (ca. 85–100%), die Sensitivität jedoch niedrig (20–30%): Ein normaler Index schließt eine LHV nicht aus. Der Arzt sollte im Befund das Vorliegen von LHV-Voltatekriterien vermerken und den Patienten bei klinischen Indikationen (Hypertonie, Herzgeräusch, Dyspnoe) zur Echokardiographie überweisen, um den Grad der Hypertrophie, die linksventrikuläre Geometrie und die systolische Funktion zu bestätigen und zu beurteilen. Ein isolierter Befund ohne klinischen Kontext erfordert kein dringendes Handeln.
Häufige Fehler bei der Auswertung
- Vergessen, die Aufzeichnungskalibrierung zu überprüfen — bei nicht standardmäßiger Verstärkung (5 mm/mV oder 20 mm/mV) wird der Index grob verfälscht
- Anwendung des Kriteriums bei breitem QRS-Komplex (LSB, WPW-Syndrom), bei dem die LHV-Voltateschwellenwerte nicht valide sind
- Einen normalen Index aufgrund der geringen Sensitivität der Methode als Ausschluss einer LHV betrachten
- Alter und Geschlecht unberücksichtigt lassen — die Kriterien wurden überwiegend an einer erwachsenen Population entwickelt, bei Kindern und Jugendlichen gelten andere Normwerte
- V5 und V6 bei der Messung verwechseln — für den Index wird der größere der beiden R-Werte herangezogen und nicht eine willkürlich gewählte Ableitung
1. Welche Ableitungen werden zur Berechnung des Sokolow-Lyon-Index verwendet?
Der Index addiert die Tiefe von S in V1 und die Höhe von R in V5 oder V6 (größter Wert).
2. Welcher Schwellenwert der Summe S(V1)+R(V5/V6) gilt als Kriterium für eine LHV bei Erwachsenen?
Eine Summe von ≥35 mm (3,5 mV) ist der klassische Schwellenwert des Sokolow-Lyon-Index zur Diagnose einer LHV.
3. Warum kann der Sokolow-Lyon-Index bei einem Linksschenkelblock nicht zuverlässig angewendet werden?
Beim Linksschenkelblock verändert der breite aberrante QRS-Komplex die Zackenamplituden nicht infolge einer Hypertrophie, sondern aufgrund einer Erregungsleitungsstörung, weshalb LHV-Voltatekriterien nicht anwendbar sind.
Häufig gestellte Fragen
Wie berechnet man den Sokolow-Lyon-Index?
Es werden die Tiefe der S-Zacke in V1 und die Höhe der R-Zacke in V5 oder V6 (unter Verwendung des größeren Wertes) addiert. Eine Summe von ≥35 mm (3,5 mV) entspricht bei Standardkalibrierung der Aufzeichnung dem Voltatekriterium für eine LHV, muss jedoch unter Berücksichtigung anderer Befunde und klinischer Daten bewertet werden.
Ist ein erhöhter Sokolow-Lyon-Index gefährlich?
An sich handelt es sich nicht um einen akuten Zustand, aber ein persistierender Anstieg des Index ist mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen assoziiert, insbesondere vor dem Hintergrund einer Hypertonie. Dies erfordert eine echokardiographische Bestätigung und eine Risikofaktorenbeurteilung.
Warum kann der Index bei tatsächlicher linksventrikulärer Hypertrophie normal sein?
Die Sensitivität des Kriteriums ist gering (ca. 20–30%), weshalb normale Voltagen eine Hypertrophie nicht ausschließen. Die Echokardiographie bildet die wahre Myokardmasse präziser ab.
Kann der Sokolow-Lyon-Index bei Linksschenkelblock verwendet werden?
Nein, bei breitem QRS-Komplex (Linksschenkelblock, WPW-Syndrom) sind LHV-Voltatekriterien nicht valide, da die Morphologie des Komplexes durch die anomale Erregungsleitung verzerrt ist.
Worin unterscheidet sich der Sokolow-Lyon-Index vom Cornell-Kriterium?
Der Sokolow-Lyon-Index nutzt die Ableitungen V1 und V5/V6, der Cornell-Index hingegen R in aVL und S in V3, mit geschlechtsspezifischen Schwellenwerten. Beide Kriterien sind unabhängig voneinander und werden bisweilen gemeinsam angewendet, um die diagnostische Sensitivität zu erhöhen.
EKG-Kurs
Auswertung von den Grundlagen bis zum Infarkt — um jedes EKG systematisch zu beurteilen.
- Videolektionen und Theorie zu jedem Thema
- Trainingsfälle nach jeder Lektion
- EKG-Trainer ohne Tageslimit
- Leitfaden „Alle EKG-Befunde in 25 Minuten“
EKG-Trainer
EKG, Radiologie, Histologie, Pathologie, Pharmakologie — Tausende Lernkarten mit Erklärungen.
- Echte EKG-Streifen statt Lehrbuchgrafiken
- Sofortige Antwort und Auswertung
- Serien und Lernfortschritt im Profil
Verwandte Begriffe
Mehr in der Rubrik „Hypertrophien und Herzkammervergrößerungen“
Quellen
- Surawicz B., Knilans T. Chou's Electrocardiography in Clinical Practice, 6th ed.
- Hampton J. The ECG Made Easy
- Orlow W. N. Leitfaden der Elektrokardiographie
- AHA/ACCF/HRS-Empfehlungen zur Standardisierung und Interpretation des EKG, 2009
Lehrmaterial für Medizinstudierende und Ärzte. Ersetzt weder klinische Leitlinien noch die ärztliche Untersuchung; ein EKG wird stets im klinischen Kontext interpretiert.