Aufbau und Begrenzungen
Im Wesentlichen stellt der Canalis obturatorius einen osteofibrösen Tunnel dar. Die obere Wand wird von der Rinne an der Unterfläche des Schambeins gebildet. Nach unten ist der Kanal durch die Membrana obturatoria und die an deren Rändern ansetzenden Muskelfasern begrenzt.
Der Kanal besitzt zwei Öffnungen:
- Die innere (pelvine) Öffnung — weist nach innen und mündet direkt in den prävesikalen Bindeegewebsraum des kleinen Beckens.
- Die äußere Öffnung — befindet sich am Oberrand des Musculus obturatorius externus (m. obturatorius externus). Äußerlich wird diese Öffnung durch den Musculus pectineus (m. pectineus) sicher bedeckt, weshalb der Chirurg bei einem operativen Zugang genau diesen durchtrennen muss.
Topografie und Leitstrukturen
Zur genauen Bestimmung der Kanallage werden Knochen- und Weichteilpunkte herangezogen. Die Projektion des Kanals auf die Haut liegt 1,2–1,5 cm kaudal des Leistenbandes (lig. inguinale) und 2,0–2,5 cm lateral des Schambeinhöckers (tuberculum pubicum).
In diesem topografischen Bereich befinden sich wichtige oberflächliche Strukturen, die berücksichtigt werden müssen:
- Die oberen Gruppen der Lymphknoten (nodi inguinales superficiales superomediales et superolaterales).
- Die untere Gruppe der InguinalLymphknoten (nodi inguinales superficiales inferiores).
- Der Hiatus saphenus (hiatus saphenus).
- Die Vena saphena magna (v. saphena magna), die im Bereich des Hiatus saphenus in das System der tiefen Venen mündet.
Inhalt: Gefäße und Nerv
Durch den Kanal verläuft das neurovaskuläre Bündel, das die Arteria, Vena und den Nervus obturatorius umfasst.
Durchblutung und Anastomosen: Die Arteria obturatoria (a. obturatoria) bildet wichtige Kollateralwege. Sie anastomosiert aktiv mit der Arteria circumflexa femoris medialis (a. circumflexa femoris medialis) sowie mit der Arteria glutea inferior (a. glutea inferior).
Innervation: Der Nervus obturatorius (n. obturatorius) teilt sich in einen vorderen und einen hinteren Ast. Sie innervieren die Adduktoren des Oberschenkels sowie den Musculus gracilis (m. gracilis) und versorgen sensibel die Haut an der medialen Oberschenkelhaut.
Klinische Bedeutung: Phänomen des Schreferreds
Der Stamm des Nervus obturatorius verläuft in der kleinen Beckenhöhle in unmittelbarer anatomischer Nähe zu Uterus und Ovarien. Diese Nachbarschaft bedingt ein wichtiges klinisches Symptom — das Phänomen des Schreferreds im Knie.
Das Wesen dieses Phänomens besteht darin, dass der Patient über starke Schmerzen im Bereich des Kniegelenks klagt, eine objektive Untersuchung jedoch keinerlei Erkrankungen des Gelenks selbst ergibt. Die Pathogenese dieses Zustands hängt mit der Reizung des Stammes des n. obturatorius im kleinen Becken zusammen. Die Hauptursache für eine solche Reizung sind entzündliche Prozesse des Uterus oder seiner Adnexe (z. B. eine Adnexitis). Die Entzündung greift auf den Nerv über, und das Gehirn interpretiert den Schmerzimpuls so, als sture er aus dem Innervationsgebiet des Nervs — in diesem Fall von der medialen Oberschenkelhälfte und der Kniegend.
Kurz gefasst: Antworten auf Fragen zum Thema
Welche Muskeln werden durch den Nervus obturatorius innerviert?
Der Nervus obturatorius innerviert die Adduktoren des Oberschenkels, den Musculus gracilis und den Musculus obturatorius externus sowie die Haut der medialen Oberschenkelseite.
- Musculus pectineus (m. pectineus) — Adduktion des Oberschenkels
- Musculus adductor longus (m. adductor longus) — Adduktion des Oberschenkels
- Musculus adductor brevis (m. adductor brevis) — Adduktion des Oberschenkels
- Musculus adductor magnus (m. adductor magnus) — Adduktion des Oberschenkels
- Musculus gracilis (m. gracilis) — Adduktion des Oberschenkels
- Musculus obturatorius externus (m. obturatorius externus) — Adduktion und Außenrotation des Oberschenkels
Mit welchen Arterien anastomosiert die Arteria obturatoria?
Die Arteria obturatoria anastomosiert mit der Arteria circumflexa femoris medialis, der Arteria glutea inferior sowie mit dem Ramus pubicus der Arteria epigastrica inferior im Bereich der Corona mortis.
- Arteria circumflexa femoris medialis (a. circumflexa femoris medialis) — Kollateralkreislauf des Hüftgelenks
- Arteria glutea inferior (a. glutea inferior) — Anastomose im Beckenkollateralschema dargestellt
- Ramus pubicus der Arteria epigastrica inferior (r. pubicus a. epigastricae inferioris) — bildet die gefährliche Anastomose der Corona mortis
Was ist die „Corona mortis“ und wie ist sie topografisch mit dem Canalis obturatorius verbunden?
Corona mortis ist eine anatomische Variante einer Gefäßanastomose zwischen der Arteria obturatoria und der Arteria iliaca externa oder deren Ast — der Arteria epigastrica inferior. Sie liegt nahe am Schambein, benachbart zur Symphysis pubica.
- Häufigkeit — bei 25–35% der Patienten.
- Klinische Bedeutung — hohes Risiko massiver Blutungen bei Beckenfrakturen und chirurgischen Zugängen im Bereich des Leistenkanals.
Fragen aus Vorlesungen und Prüfungen
Wo liegt die innere Öffnung des Canalis obturatorius?
Die innere (pelvine) Öffnung weist in den prävesikalen Bindegewebsraum des kleinen Beckens.
Welcher Muskel muss für den Zugang zur äußeren Öffnung durchtrennt werden?
Die äußere Öffnung wird vom Musculus pectineus (m. pectineus) bedeckt, der beim operativen Zugang durchtrennt werden muss.
Warum treten bei einer Adnexitis Knieschmerzen auf?
Der Nervus obturatorius verläuft im kleinen Becken nahe dem Uterus und den Ovarien. Bei deren Entzündung wird der Nervenstamm gereizt, was Schreferreds in seinem Innervationsgebiet (einschließlich des Kniegelenks) auslöst.
Mit welchen Arterien anastomosiert die Arteria obturatoria?
Sie bildet Anastomosen mit der Arteria circumflexa femoris medialis und der Arteria glutea inferior.
Was es zum Thema noch zu wiederholen gibt
- Anastomosen der Arteria obturatoria
- Äste des Nervus obturatorius und ihre Innervationsgebiete
- Prävesikaler Bindegewebsraum des kleinen Beckens
- Topografie der oberflächlichen Inguinallymphknoten
- Chirurgische Zugänge im medialen Oberschenkelbereich
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