EKG-Kriterien
- Häufige Schwingungen, meist von annähernd sinusförmiger Form
- Die Frequenz liegt nahe bei 50 Hz (in Russland und Europa) oder 60 Hz (in den USA und einigen anderen Ländern) – auf dem Papier bei 25 mm/s sind dies sehr dichte, feine Zacken
- Amplitude und Wellenform sind während der Aufzeichnung oft recht stabil, eine strikte Identität jedes Zyklus ist jedoch nicht zwingend erforderlich
- Die Störung tritt häufig in mehreren oder allen Ableitungen gleichzeitig auf
- Die Nnullinie zwischen den Komplexen ist durch ein feines Zittern „verwaschen“; eine hohe Regelmäßigkeit und Schmalbandigkeit der Frequenz stützen die Diagnose einer Netzstörung, sind aber nicht absolut
- Verstärkt sich in der Nähe von laufenden Elektrogeräten, Leuchtstofflampen, Ladegeräten, bei schlechtem Elektrodenkontakt oder defekter Erdung des Geräts
- Verschwindet oder verringert sich nach Beseitigung der technischen Ursache (Elektrodenkontakt, Erdung, Entfernung von Störquellen) – dies ist ein zuverlässiges praktisches Kriterium
Wie es im EKG aussieht
Auf dem Streifen sieht die Netzstörung wie ein dichtes „Zittern“ der Nnullinie und der Zacken aus – zahlreiche kleine Oszillationen in engen Abständen. Eine Frequenz von etwa 50 Hz bedeutet, dass auf einen normalen QRS-Komplex (80–100 ms) mehrere vollständige Störungszyklen entfallen, weshalb dies optisch als dichte „Bürste“ oder ein „Palisadenzaum“ aus feinen Schwingungen wahrgenommen wird und nicht als einzelne Unebenheiten.
Das Artefakt kann kaum wahrnehmbar sein – als feine Kräuselung auf dem ST-Segmente und im Bereich der T-Welle –, oder ausgeprägt, wenn P- und T-Wellen fast in der Störung untergehen und manchmal auch die Messung der QRS-Amplitude verfälscht wird. Meistens ist die Störung in mehreren Ableitungen gleichzeitig sichtbar, im Gegensatz zu einem Artefakt einer einzelnen Elektrode, das in der Regel lokal ist, wobei es jedoch nicht alle Kanäle gleichermaßen betreffen muss – zum Beispiel bei unterschiedlichen Übergangswiderständen unter verschiedenen Elektroden.
Wichtiger Vorbehalt: Eine hohe Regelmäßigkeit von Form und Frequenz sowie die Nähe zu 50/60 Hz sprechen für die Diagnose einer Netzstörung, sind jedoch keine absoluten Merkmale. Eine reale Störung ist möglicherweise nicht perfekt sinusförmig, weist Oberschwingungen auf, variiert leicht in der Amplitude und tritt nicht in allen Kanälen auf; die Netzfrequenz kann in der Praxis leicht vom Nennwert abweichen. Andererseits sind einige Muskel- und Tremorartefakte ebenfalls recht regelmäßig. Daher wird die Diagnose anhand einer Gesamtschau gestellt: typische Frequenz, Verteilung auf die Ableitungen, klinische Situation (keine Hinweise auf Arrhythmie oder andere Pathologien) und – was besonders wichtig ist – das Verschwinden der Störung nach Behebung ihrer technischen Ursache.
| Merkmal | Netzstörung | Muskelartefakt |
|---|---|---|
| Häufigkeit | meist nahe 50 Hz (50/60 Hz) | breites, überlappendes Spektrum, kann 50 Hz erreichen und überschreiten |
| Regulärität | oft hoch, aber nicht unbedingt perfekt | häufig weniger stabil, Amplitude wechselt oft, regelmäßige Episoden sind jedoch möglich |
| Verteilung über die Ableitungen | häufig in allen oder den meisten | abhängig von der kontrahierenden Muskelgruppe |
Mechanismus
Die Störung entsteht durch ein induziertes elektromagnetisches Feld von Stromleitungen und in der Nähe befindlichen Geräten. Die Ableitungsdrähte und der Körper des Patienten wirken wie eine Antenne, die den Wechselstrom mit einer Frequenz von 50 Hz (in 60-Hz-Netzen entsprechend 60 Hz) auffängt. Der Verstärker des EKG-Geräts registriert diese induzierte Potentialsdifferenz zusammen mit dem wahren Biovektor des Herzens.
Die Anfälligkeit für Störungen steigt bei schlechtem Elektrodenkontakt mit der Haut (hoher Übergangswiderstand), defekter oder fehlender Erdung des Geräts, langen, ungeschirmten Leitungen sowie nahegelegenen Quellen elektromagnetischer Störungen (Ladegeräte, Leuchtstofflampen, laufende Geräte im Patientenzimmer). Moderne Geräte verfügen über einen integrierten Netzfilter (Notch-Filter für 50/60 Hz), der das Artefakt softwarebasiert entfernt; bei starker Störung löst der Filter das Problem jedoch nicht vollständig und kann die wahre Morphologie der Zacken verzerren.
Ursachen
- Schlechter Elektrodenkontakt zur Haut (trockene Haut, oxidiertes Gel, Haare)
- Fehlen oder Defekt der Erdung des EKG-Geräts
- Beschädigung oder Bruch des Ableitungsdrahtes, blanke Kabelabschnitte
- Verlegung von Kabeln in der Nähe von laufenden Elektrogeräten, Ladestationen, Monitoren, Leuchtstofflampen
- Verwendung von ungeschirmten oder zu langen Leitungen
- Gleichzeitiger Betrieb anderer medizinischer Geräte, die Potentialdifferenzen und Strompfade zwischen angeschlossenen Geräten erzeugen (Kriechströme); die Lösung dieses Problems ist Aufgabe des technischen Dienstes und nicht das eigenmächtige Ändern der Erdung
- Feuchte oder verschmutzte Haut, die den Elektrodenkontakt und die Isolationseigenschaften verschlechtert
Differenzialdiagnose
- Muskelartefakt – das Spektrum ist breiter und weniger stabil als bei der Netzstörung, die Amplitude wechselt häufiger, meist im Zusammenhang mit der Anspannung einer bestimmten Muskelgruppe; eine Frequenzüberschneidung mit 50 Hz allein reicht zur Unterscheidung nicht aus, es ist eine Beurteilung der Stabilität und der klinischen Situation erforderlich
- Bewegungsartefakt – grobe, unregelmäßige Abweichungen der Nnullinie im Zusammenhang mit Patientenbewegungen, ohne strenge Periodizität
- Nnullinienwanderung – langsam verlaufende niederfrequente Schwingungen (Atmung, schlechter Kontakt) statt feinem, dichtem Gekräusel
- Vorhofflattern – regelmäßige F-Wellen meist mit einer Frequenz von ca. 240–350/min; Vorhofflimmern – chaotische f-Wellen ohne stabile Frequenz, oft im Bereich von ca. 350–600/min; beides liegt deutlich unter 50 Hz. Die Vorhofaktivität ist in V1 und den inferioren Ableitungen (II, III, aVF) oft besser sichtbar, ihr Fehlen in diesen Ableitungen schließt eine Arrhythmie jedoch nicht aus. Von der Netzstörung unterscheidet sie sich nicht nur durch die Frequenz, sondern auch durch die Frequenzstabilität, die synchrone Manifestation in den Kanälen und das Verschwinden nach Behebung der technischen Störungsursache
- Bild ähnlich wie Kammerflimmern: Bei jedem Zweifel, ob es sich um ein Artefakt oder echtes VF handelt, darf man sich nicht auf die Analyse der Wellenregelmäßigkeit auf dem Streifen beschränken. Der Patient muss sofort beurteilt werden (Bewusstsein, Atmung, Puls) – bei fehlenden Kreislaufzeichen ist nach Reanimationsalgorithmus zu handeln. Eine erneute EKG-Aufzeichnung und die Beseitigung der technischen Störungsursache sind nur parallel zur Beurteilung des Patienten zulässig und dürfen die Alarmierung von Hilfe sowie den Beginn von Reanimationsmaßnahmen keinesfalls verzögern.
Klinische Bedeutung und Taktik
Die Störung selbst hat keinen diagnostischen Wert und spiegelt den Zustand des Herzens nicht wider, kann jedoch reale Veränderungen imitieren oder maskieren: feines Vorhofflimmern verdecken, die Messung der Zackenamplitude für Spannungskriterien der Hypertrophie verfälschen oder die Beurteilung des ST-Segments bei Ischämieverdacht erschweren.
Der Arzt sollte: den Elektrodenkontakt überprüfen und verbessern (Haut vorbereiten, Gel oder Elektroden austauschen), ausschließlich eine standardmäßige medizinische Steckdose und ein intaktes Gerät verwenden – die Überprüfung der Schutzleiter und Ableitströme erfolgt durch einen Medizintechniker oder Elektriker, ein eigenmächtiges Abschalten oder Verändern der Schutzerdung sowie die Verwendung von Eigenbau-Verbindungen sind untersagt; Kabel von Quellen elektromagnetischer Störungen und anderen laufenden Geräten entfernen, nach Möglichkeit geschirmte Leitungen verwenden und bei Bedarf den Softwarefilter zur Netzunterdrückung am Gerät einschalten – jedoch bedenken, dass eine aggressive Filterung die wahre Form der Zacken und des ST-Segments verzerren kann. Daher ist bei unklarem Befund das EKG technisch korrekt zu wiederholen, statt sich nur auf den Filter zu verlassen. Bei Verdacht auf Gerätedefekte oder Ableitströme ist die Nutzung eines solchen Geräts bis zur Begutachtung durch den technischen Dienst einzustellen.
Häufige Fehler bei der Auswertung
- Feinwellige Störung als Vorhofflimmern interpretieren, ohne dies auf technische Weise zu überprüfen (Beseitigung der Störung, erneute Aufzeichnung)
- Bei einem Bild, das Kammerflimmern ähnelt, Zeit mit der Analyse der Wellenregelmäßigkeit verlieren, statt sofort den Patienten und den Puls zu überprüfen
- Den Störungsfilter einschalten und nicht überprüfen, ob durch die Filterung echte feine Zacken (z. B. die P-Welle bei Verdacht auf Vorhofhypertrophie) verschwunden sind
- Die QRS-Amplitude oder ST-Strecken-Veränderungen vor dem Hintergrund einer ungelöschten Störung messen und dadurch falsche Spannungskriterien erhalten
- Die technische Ursache (Elektrodenkontakt, Geräteintaktheit) nicht überprüfen und sich lediglich auf das Wiederholen der Aufzeichnung beschränken, ohne die Störquelle zu beseitigen
1. Welches Merkmal ist am typischsten für eine 50-Hz-Netzstörung im EKG?
Netzartefakte verursachen häufige Störungen mit einer Frequenz, die meist nahe bei 50 Hz liegt, und einer recht stabilen Form in vielen Ableitungen, was sie von Tremor, Bewegungen und einer Basislinienverschiebung unterscheidet, obwohl eine absolute Regelmäßigkeit nicht zwingend erforderlich ist.
2. Welche Maßnahme ist am effektivsten, um Netzartefakte im EKG ohne Verlust diagnostischer Informationen zu beseitigen?
Die Beseitigung der technischen Ursache der Störung (Elektrodenkontakt, funktionstüchtige Geräte, Entfernung von EM-Störquellen) löst das Problem an der Quelle, während ein Softwarefilter es nur maskiert und die wahre Morphologie verzerren kann.
3. Wie ist vorzugehen, wenn im EKG ein Bild zu sehen ist, das einer feindrahtigen Ventrikelflimmern ähnelt, und unklar ist, ob es sich um ein Artefakt oder eine echte Arrhythmie handelt?
Ein Bild, das VF ähnelt, erfordert eine sofortige Beurteilung des Patienten und des Pulses sowie den Beginn von Reanimationsmaßnahmen bei deren Fehlen; die Analyse des Artefakts und eine erneute Aufzeichnung sind nur parallel möglich und dürfen die Hilfeleistung nicht verzögern.
Häufig gestellte Fragen
Wie unterscheidet man Netzartefakte von Tremor?
Netzartefakte sind bezüglich Frequenz und Amplitude meist regelmäßiger und liegen nahe bei 50/60 Hz, während der Muskel-Tremor häufig ein breiteres und wechselndes Spektrum mit instabiler Amplitude aufweist. Überschneidungen sind jedoch möglich: Regelmäßigkeit und Frequenz sind für sich genommen nicht absolut, daher ist es wichtig, auf die Verteilung über die Ableitungen zu achten und darauf, ob das Artefakt nach technischen Maßnahmen verschwindet.
Sind Netzartefakte für die Diagnostik gefährlich?
Sie selbst gefährdet den Patienten nicht, kann jedoch eine echte Pathologie (z. B. feine Vorhofflimmern) verdecken oder die Zackenmessungen verzerren. Wenn das Bild Ventrikelflimmern ähnelt, wird zuerst der Patient und der Puls beurteilt und nicht über das Artefakt spekuliert. In den übrigen Fällen ist es wichtig, die Störung durch technische Maßnahmen zu beheben, anstatt sie einfach zu ignorieren.
Kann man einfach den Filter einschalten und die Ursache ignorieren?
Ein Software-Kerbfilter (Notch-Filter) entfernt das sichtbare Kräuseln, beseitigt jedoch nicht die Störquelle und kann die wahre ST-T-Morphologie leicht verzerren. Es ist richtiger, die technische Ursache zu finden und zu beheben – Elektrodenkontakt, Gerätestatus, Kabelführung.
In welchen Ableitungen sind Netzartefakte am häufigsten zu sehen?
Häufig gleichzeitig in allen oder den meisten Ableitungen, im Gegensatz zu einem lokalen Artefakt einer einzelnen Elektrode, wobei jedoch je nach unterschiedlichem Elektrodenkontakt die Ausprägung zwischen den Kanälen variieren kann.
Warum beträgt die Störfrequenz in Russland 50 Hz und nicht 60 Hz?
Die Frequenz entspricht dem Standard des Haushaltsstromnetzes des jeweiligen Landes: In Russland und den meisten europäischen Ländern beträgt das Netz 50 Hz, in den USA und einigen anderen Ländern 60 Hz, dementsprechend ist auch die Frequenz des Artefakts unterschiedlich.
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Quellen
- Goldberger A.L. — Clinical Electrocardiography: A Simplified Approach
- Hampton J.R. — The ECG Made Easy
- AHA/ACCF/HRS Recommendations for the Standardization and Interpretation of the ECG, 2009
Lehrmaterial für Medizinstudierende und Ärzte. Ersetzt weder klinische Leitlinien noch die ärztliche Untersuchung; ein EKG wird stets im klinischen Kontext interpretiert.