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EKG-Leitfaden · Sinusknoten

Sick-Syndrom im EKG

Sick-Syndrom · SSS, Sinusknotendysfunktion

Das Sick-Sinus-Syndrom (SSS, Sick-Sinus-Syndrom) ist eine Dysfunktion des Sinusknotens, bei der dieser keine adäquate Frequenz und Rhythmik der Impulsbildung gewährleistet. Im EKG zeigt sich dies als Sinusbradykardie, Sinuspausen, sinoatriale Blockierung, oft in Kombination mit Paroxysmen einer atrialen Tachyarrhythmie (Tachy-Brady-Syndrom). Die Diagnose wird jedoch nur unter Berücksichtigung des klinischen Bildes gestellt und nicht anhand einzelner Zahlen oder Kurven.

7 Min. LesezeitFür Medizinstudierende und ÄrzteAktualisiert am 18.10.2026
Erstellt von Redaktion von WhiteCoat ProDie Kriterien wurden von zwei unabhängigen Gutachtern anhand von Leitlinien abgeglichen
Синдром слабости синусового узла: тахи-брадиПароксизм фибрилляции предсердий обрывается длинной паузой (дольше 3 с), затем редкий синусовый ритм.IIтахи: ФПпауза 3,25 сбради: синусовый 44/мин
Übergang von einer atrialen Tachyarrhythmie zu ausgeprägter Bradykardie mit Pause – Tachy-Brady-Syndrom bei SSS. Schema, 25 mm/s, 10 mm/mV.

EKG-Kriterien

  1. Sinusbradykardie in Ruhe, insbesondere symptomatisch oder nicht physiologisch angepasst (nicht im Schlaf, nicht bei trainierten Personen), ohne fixierten Herzfrequenz-Schwellenwert als alleiniges Kriterium; die Diagnose erfordert eine Korrelation mit Symptomen und den Ausschluss reversibler Ursachen (Medikamente, Hypothyreose, Vagotonus beim Sportler).
  2. Sinusarrest (Sinusstillstand) – die erwartete P-Welle fehlt; im Oberflächen-EKG ist eine Differenzierung zwischen Sinusarrest und sinoatrialer Blockierung oft nicht möglich; beim Sinusarrest hat die Pause meist kein Vielfaches des Basis-P-P-Intervalls; QRS kann in der Pause fehlen oder als Ersatzkomplex (nodal, idioventrikulär) auftreten.
  3. Sinoatriale Blockierung II. Grades – Ausfall eines oder mehrerer Sinuszyklen (P-QRS); bei Typ I (Wenckebach) verkürzen sich die P-P-Intervalle vor der Pause allmählich, die Pause ist gewöhnlich kleiner als zwei Ausgangs-P-P-Intervalle, die Diagnose im Oberflächen-EKG ist erschwert; bei Typ II tritt die Pause plötzlich auf und ist meist ein Vielfaches des Basis-P-P-Intervalls.
  4. Chronotrope Inkompetenz – Unfähigkeit, die Herzfrequenz unter Belastung adäquat zu steigern, oft definiert als Erreichen von weniger als 80 % der berechneten chronotropen Herzfrequenzreserve; die Interpretation hängt vom Alter und den eingenommenen Medikamenten ab.
  5. Tachy-Brady-Syndrom – Paroxysmen von Vorhofflimmern, Vorhofflattern oder atrialer Tachykardie, gefolgt von ausgeprägter Bradykardie oder einer Pause nach Konversion.
  6. Anhaltende oder symptomatische postextrasystolische und postparoxysmalen Pausen bei Brady-Tachy-Episoden (eine konkrete Dauer stellt keinen eigenständigen Schwellenwert dar – Wiederholbarkeit und Symptombezug sind maßgeblich).
  7. Verzögerte Erholung des Sinusrhythmus nach spontaner oder medikamentöser Terminierung einer Tachyarrhythmie.
  8. Begleitende AV-Dysfunktion ist möglich, aber nicht zwingend erforderlich (Binodale Erkrankung).
HerzfrequenzSinusbradykardie (orientierend < 50/min), situationsinadäquat, oder Tachykardieparoxysmen, gefolgt von Bradykardie; der Herzfrequenzwert allein ist kein ausreichendes Kriterium
QRS-Breitemeist normal (Knoten geschädigt, Erregungsleitung über His-Purkinje-System ungestört)
LokalisationRhythmus und P-Welle in Ableitung II, Langzeit-EKG (Holter)
GefahrSynkopen, Adams-Stokes-Anfälle, Indikation zur Schrittmachertherapie

Wie es im EKG aussieht

Im Standard-EKG und insbesondere im Holter-Monitoring ist das Bild des SSS vielgestaltig, was ein Kernmerkmal der Diagnose darstellt – sie wird selten anhand einer einzelnen Kurve gestellt.

ManifestationBefundLokalisation
SinusbradykardieHerzfrequenz niedrig und situationsinadäquat, P-Welle von normaler Morphologie vor jedem QRS-KomplexII, V1
Sinusarrest (Sinusstillstand)Erwartete P-Welle fehlt; QRS kann fehlen oder als Ersatzkomplex auftreten; Pause meist kein Vielfaches von P-P; im Oberflächen-EKG oft nicht von SA-Block zu unterscheidenRhythmusstreifen, II
Sinoatriale Blockierung II. Grades, Typ IWenckebach-Periodik: P-P-Intervalle verkürzen sich schrittweise, danach folgt eine Pause, die gewöhnlich kleiner ist als zwei Ausgangs-P-P-Intervalle; Diagnostik im Oberflächen-EKG erschwertlange Aufzeichnung Ableitung II
Sinoatriale Blockierung II. Grades, Typ IIPlötzlicher Ausfall eines oder mehrerer Sinuszyklen, Pause meist ein Vielfaches (meist 2×) des Basis-P-P-Intervallslange Aufzeichnung Ableitung II
Bradykardie-Tachykardie-SyndromParoxysmus von Vorhofflimmern/Vorhofflattern/atrialer Tachykardie bricht abrupt ab, gefolgt von einer langen Pause oder ausgeprägter BradykardieTachy-Brady-Übergang im Holter
ErsatzrhythmusWährend der Pause treten junktionale oder ventrikuläre Escape-Schläge aufnach der Pause

Die P-Welle ist, sofern vorhanden, meist von normaler Form (Unterschied zum ektopen atrialen Rhythmus oder Wandern des Schrittmachers, bei denen sich die P-Morphologie ändert). Der QRS-Komplex ist schmal, sofern keine begleitende Schenkelblockierung vorliegt. Es ist wichtig, Langzeitaufzeichnungen (Holter 24–72 h, teils implantierbare Event-Recorder) auszuwerten, da sich die Dysfunktion im akuten Ruhe-EKG möglicherweise nicht zeigt.

Mechanismus

Die Grundlage des SSS ist eine degenerative Schädigung der Schrittmacherzellen des Sinusknotens und/oder des umgebenden atrialen Gewebes, durch das der Impuls zum Vorhofmyokard geleitet wird (sinoatrialer Exit-Block). Meist handelt es sich um eine idiopathische Fibrose des Knotens bei Älteren, gelegentlich mit Beteiligung des Reizleitungssystems der Vorhöfe und sogar des AV-Knotens (binodale Erkrankung).

Der Automatisismus nimmt ab – die spontane Depolarisation der Schrittmacherzellen verlangsamt sich, daher die Bradykardie. Beim Exit-Block entsteht der Impuls zwar, breitet sich aber nicht auf die Vorhöfe aus – daher die Pausen. Das Tachy-Brady-Syndrom erklärt sich dadurch, dass dasselbe geschädigte atriale Gewebe ein Substrat für Vorhofflimmern/-flattern oder atriale Tachykardie bildet und der geschwächte Knoten nach spontanem Ende der Arrhythmie den Automatisismus nicht schnell wiederherstellen kann (Knotendepression nach Overdrive-Suppression), wodurch eine lange Pause entsteht.

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Ursachen

  • Idiopathische Sinusknotenfibrose (häufigste Ursache, Altersdegeneration)
  • Koronare Herzkrankheit, einschließlich inferiorem Myokardinfarkt mit Beteiligung der Sinusknotenarterie
  • Kardiomyopathien, Myokarditis, infiltrative Prozesse (Amyloidose, Sarkoidose)
  • Chirurgische und kathetergestützte Eingriffe an den Vorhöfen (Vitienkorrektur, Vorhofflimmerablation)
  • Hypothyreose, Elektrolytstörungen
  • Medikamente mit negativ chronotroper Wirkung (Betablocker, nicht-dihydropyridine Calciumkanalblocker, Digoxin, Antiarrhythmika der Klasse I und III) – müssen vor Diagnosestellung berücksichtigt und überprüft werden
  • Erhöhter Vagotonus (ist jedoch von physiologischer Bradykardie abzugrenzen, insbesondere bei Sportlern)
  • Familiäre Formen (selten, Mutationen von Ionenkanalgenen)

Differenzialdiagnose

  • Physiologische Sinusbradykardie bei Sportlern oder im Schlaf – die Herzfrequenz steigt unter Belastung adäquat an; die Physiologie wird anhand von Kontext, Symptomen und Belastungsreaktion beurteilt; nächtliche Bradykardie und Pausen, einschließlich gelegentlicher Pausen von ca. 3 Sekunden bei Trainierten, beweisen ohne Symptome und andere Zeichen kein SSS; längere, wiederholte, tagsüber auftretende oder symptomatische Pausen erfordern Abklärung.
  • AV-Block höheren Grades – die P-Welle ist regelmäßig vorhanden, während spezifisch die QRS-Komplexe ausfallen, während bei sinoatrialer Blockierung und Sinusarrest gewöhnlich das gesamte P-QRS-Paar ausfällt, sofern kein Ersatzrhythmus einsetzt.
  • Wandern des Schrittmachers und ektopeer atrialer Rhythmus – hier verändert sich die Morphologie der P-Welle und nicht die Frequenz der Impulsbildung durch den Sinusknoten.
  • Medikamentös bedingte Bradykardie – häufige reversible oder verstärkende Ursache; das Medikament kann eine versteckte Knotendysfunktion lediglich demaskieren, weshalb ein Absetzen oder eine Dosisanpassung nur unter ärztlicher Überwachung, unter Berücksichtigung des Risikos eines Absetzsyndroms und nach erneuter Rhythmusregistrierung erfolgen darf.
  • Sinusarrhythmie bei Jungen – P-P-Schwankungen sind atemabhängig, ohne echte Pausen und ohne Symptome.

Klinische Bedeutung und Taktik

Das SSS ist nicht primär wegen der Arrhythmie an sich gefährlich, sondern wegen der hämodynamischen Folgen von Bradykardie und Pausen: Synkopen und Präsynkopen, Adams-Stokes-Anfälle, chronische Müdigkeit, verminderte Belastungstoleranz. Beim Tachy-Brady-Syndrom ergibt sich ein Zusatzrisiko aus dem Vorhofflimmern/-flattern selbst – durch thromboembolische Komplikationen, nicht durch das Brady-Tachy-Syndrom als solches.

Der Arzt muss in der Diagnostikphase folgende Schritte unternehmen: Korrelation der Symptome mit dokumentierter Bradyarrhythmie sichern (Holter-EKG, Event-Recorder, bei seltenen Symptomen implantierbarer Loop-Recorder), Medikation mit negativ chronotropen Wirkstoffen überprüfen und gegebenenfalls unter Kontrolle anpassen oder absetzen, andere reversible Ursachen ausschließen (Hypothyreose, Elektrolytstörungen, akute Ischämie) und die chronotrope Reserve mittels Belastungstest bewerten.

Bei persistierender symptomatischer Sinusknotendysfunktion, die nicht auf eine reversible Ursache zurückzuführen ist, stellt die permanente Herzschrittmacherimplantation die Haupttherapiemethode dar; eine medikamentöse Therapie der Bradykomponente ist unwirksam. Akute reversible Bradykardie wird nach Notfallalgorithmen behandelt (Beseitigung der Ursache, Atropin und/or temporäre Stimulation nach Indikation). Beim Tachy-Brady-Syndrom kann ein Schrittmacher Schutz vor ausgeprägter Bradykardie bieten und die therapeutischen Möglichkeiten für die Tachykomponente erweitern, dennoch erfordert die antiarrhythmische Behandlung weiterhin eine individuelle Medikamentenauswahl und Monitoring. Die Entscheidung über Notwendigkeit und Art der Stimulation erfolgt gemäß klinischen Leitlinien unter Berücksichtigung der Symptomatik und nicht allein anhand von EKG-Werten.

Häufige Fehler bei der Auswertung

  • Diagnosestellung eines SSS anhand eines einzelnen Ruhe-EKGs ohne Langzeitmonitoring und ohne Korrelation mit Symptomen
  • Nichtbeachtung von Medikamenten mit negativ chronotroper Wirkung (Betablocker, Digoxin) vor der Diagnosestellung
  • Verwechslung von sinoatrialer Blockierung mit AV-Block – prüfen, ob der gesamte P-QRS-Komplex oder nur QRS ausfällt
  • Übersehen von Tachyarrhythmie-Episoden vor der Pause und Nichterkennen des Tachy-Brady-Syndroms
  • Eine physiologische nächtliche Bradykardie oder Sportler-Bradykardie aufgrund der reinen Pausenlänge als pathologische Knotendysfunktion einzustufen
Überprüfen Sie sich selbstDrei Fragen auf Examens- und Akkreditierungsniveau – mit ausführlicher Erklärung.

1. Welches EKG-Merkmal unterscheidet einen sinoatrialen Block von einem AV-Block II. Grades?

Bei einem SA-Block II. Grades fällt gewöhnlich die erwartete P-Welle mitsamt dem folgenden QRS-Komplex aus, es sei denn, es entsteht ein Ersatzkomplex; beim AV-Block bleiben die P-Wellen erhalten und lediglich die Überleitung auf die Ventrikel fällt aus. Anhand des Oberflächen-EKGs lassen sich SA-Block und Sinusarrest oft nicht verlässlich voneinander unterscheiden.

2. Welche Diagnostikmethode ist bei Verdacht auf ein Sick-Sinus-Syndrom mit seltenen Symptomen am aussagekräftigsten?

Die Sinusknotendysfunktion ist häufig intermittierend, sodass eine Langzeit-Rhythmusregistrierung erforderlich ist, um seltene Symptome mit der Arrhythmie zu korrelieren.

3. Welche Therapiemethode ist bei persistierender symptomatischer Bradykardie infolge eines Sick-Sinus-Syndroms ohne reversible Ursache indiziert?

Eine medikamentöse Therapie der Bradykomponente ist unwirksam; die Hauptbehandlung bei persistierender symptomatischer Knotendysfunktion ist die permanente Schrittmachertherapie.

Häufig gestellte Fragen

Ist das Sick-Sinus-Syndrom gefährlich?

Die Gefahr geht nicht von der Diagnose an sich aus, sondern von den Pausen und der Bradykardie, die Synkopen und Adams-Stokes-Anfälle auslösen können. Beim Tachy-Brady-Syndrom wird das zusätzliche Risiko durch paroxysmates Vorhofflimmern bestimmt — die Antikoagulation richtet sich nach den aktuellen Leitlinien und dem individuellen Schlaganfall- sowie Blutungsrisiko, nicht nach dem bloßen Vorliegen des Sick-Sinus-Syndroms.

Wie unterscheidet man ein Sick-Sinus-Syndrom im EKG von einem AV-Block?

Bei einem sinoatrialen Block oder Sinusarrest fällt normalerweise das gesamte P-QRS-Paar aus — die P-Welle fehlt und es gibt gewöhnlich keinen eigenen QRS-Komplex, sofern kein Ersatzkomplex einsetzt. Beim AV-Block ist die P-Welle regelmäßig vorhanden, während nur der QRS-Komplex ausfällt, das heißt, die Vorhöfe werden erregt, aber der Impuls wird nicht auf die Ventrikel übertragen.

Kann man die Diagnose anhand eines einzigen Ruhe-EKGs stellen?

Meistens nein. Die Sinusknotendysfunktion verläuft oft intermittierend, weshalb eine längere Aufzeichnung erforderlich ist — ein Langzeit-EKG über 24 bis 72 Stunden, bei seltenen Symptomen sogar ein implantierbarer Loop-Recorder. Die Diagnose wird über die Korrelation von Symptomen mit einer dokumentierten Bradyarrhythmie gestellt und nicht anhand einer einzelnen Herzfrequenzzahl.

Was ist das Tachy-Brady-Syndrom?

Dies ist eine Variante des Sick-Sinus-Syndroms, bei der sich Paroxysmen von Vorhofflimmern, Vorhofflattern oder atrialer Tachykardie mit ausgeprägter Bradykardie oder langen Pausen abwechseln, insbesondere direkt nach dem spontanen Ende der Tachyarrhythmie.

Lässt sich das Sick-Sinus-Syndrom medikamentös behandeln?

Die Bradykomponente lässt sich medikamentös nicht wirksam behandeln; bei anhaltender symptomatischer Knotendysfunktion ist die Implantation eines Herzschrittmachers die primäre Methode. Nach der Schrittmacherimplantation wird es möglich, Medikamente zur Kontrolle der Tachykomponente beim Tachy-Brady-Syndrom flexibler und unter individuellem Monitoring einzusetzen.

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Quellen

  • Goldberger A.L. Clinical Electrocardiography
  • Hampton J.R. The ECG Made Easy
  • Surawicz B., Knilans T.K. Chou's Electrocardiography in Clinical Practice
  • Orlow W. N. Leitfaden der Elektrokardiographie

Lehrmaterial für Medizinstudierende und Ärzte. Ersetzt weder klinische Leitlinien noch die ärztliche Untersuchung; ein EKG wird stets im klinischen Kontext interpretiert.