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Auf den Punkt gebracht. Eine Hernie ist der Austritt von Organen oder Organteilen aus der Bauchhöhle durch „Schwachstellen“ der Bauchwand in einem Sack aus Peritoneum parietale. 4 Komponenten: Bruchpforte, Bruchsack, Bruchinhalt, Hüllen. Die häufigste Lokalisation ist die Leistenhernie (75 %). Die wichtigste Komplikation ist die Inkarzeration, die einen Notfalleingriff erfordert. Der moderne Standard ist die Netzplastik (Lichtenstein, laparoskopische TAPP/TEP).
1. Definition und Anatomie
Die Hernie der vorderen Bauchwand (hernia abdominalis) ist der Austritt von inneren Organen, die mit Peritoneum parietale bedeckt sind, durch natürliche oder erworbene Öffnungen (Schwachstellen) der Bauchwand nach außen bei intakter Haut.
Nicht zu verwechseln mit Eviszeration (Austritt von Organen durch einen Defekt unter Verletzung aller Schichten einschließlich der Haut) und Prolaps (Prolapsus, ohne Peritonealsack – z. B. der Schleimhaut bei Hämorrhoiden).
Hernienkomponenten
- Bruchpforte — Defekt der Bauchwand (Leistenkanal, Nabelring, Linea alba).
- Bruchsack — Vorwölbung des Peritoneum parietale. Besteht aus Mündung, Hals, Körper und Fundus.
- Bruchinhalt — Jedes bewegliche Organ: Darmschlingen, Omentum majus, Ovar, Harnblase.
- Bruchhüllen — Superfizielle Gewebsschichten, die den Sack bedecken (Haut, Subkutangewebe, Faszien).
2. Faktoren für die Hernienentwicklung
Prädisponierende Faktoren: angeborene Bindegewebsschwäche (Dysplasie, Marfan-Syndrom), Geschlecht (Leistenhernien häufiger bei Männern, Schenkelhernien bei Frauen), Alter, Konstitution, Vererbung.
Auslösende Faktoren (Erhöhung des intraabdominellen Drucks): schwere körperliche Arbeit, chronischer Husten, Verstopfung, Prostatadenom, Aszites, Adipositas, Mehrlingsschwangerschaft.
3. Klassifikation
Nach Lokalisation
- Leistenhernien (75 %): indirekt (durch den inneren Leistenring, lateral der A. epigastrica inferior) und direkt (durch die mediale Grube, medial der Arterie).
- Schenkelhernien (5–8 %): durch den Schenkelkanal unter dem Leistenband; häufiger bei Frauen, inkarzerieren oft.
- Nabelhernien (3–5 %): durch den Nabelring.
- Hernien der Linea alba (epigastricae): entlang der Linea alba zwischen Processus xiphoideus und Nabel.
- Inzisionalhernien (Narbenhernien): im Narbenbereich nach Laparotomie (5–20 % aller chirurgischen Wunden).
- Seltene Hernien: Spighel-Hernie, Lendenhernie, Obturatorienhernie, Dammhernie.
Nach klinischem Verlauf
- Reponierbare Hernie (reponibilis) — der Inhalt lässt sich leicht in die Bauchhöhle zurückschieben.
- Inreponierbare Hernie (irreponibilis) — Verwachsungen zwischen Sack und Inhalt; die Hernie bleibt bestehen, aber es liegt keine Ischämie vor.
- Inkarzerierte Hernie (incarcerata) — akute Einklemmung des Inhalts in der Bruchpforte; Nekroserisiko. Erfordert eine Notoperation.
- Koprostase, Entzündung — spezifische Komplikationen.
Leistenhernien: indirekt vs. direkt
| Merkmal | Indirekt | Direkt |
|---|---|---|
| Verlauf | Durch den Leistenkanal (innerer → äußerer Ring) | Durch die Hinterwand des Kanals |
| Bezug zur A. epigastrica inf. | Lateral | Medial |
| Ätiologie | Angeboren oder erworben | Nur erworben |
| Alter | Jedes | Ältere Menschen |
| Skrotum | Kann absteigen | Steigt gewöhnlich nicht ab |
| Inkarzerationsrisiko | Höher | Geringer |
4. Klinisches Bild
Hauptbeschwerden: Vorwölbung, die sich beim Pressen vergrößert und im Liegen verschwindet; ziehende Schmerzen; Beschwerden bei körperlicher Belastung. Große Hernien schränken die Arbeitsfähigkeit ein.
Inspektion und Palpation unbedingt in zwei Positionen: stehend (Hernie maximal ausgeprägt) und liegend. Beurteilung der Bruchpforte, des Hustenstoßzeichens und der Reponierbarkeit.
5. Inkarzerierte Hernie — Notfallsituation
Mechanismen
- Elastische Inkarzeration — plötzlicher Anstieg des intraabdominellen Drucks → Austritt eines größeren Inhaltsvolumens → Engstellung der Bruchpforte → Kompression.
- Kotkarzeration — Überfüllung der Darmschlinge in der Hernie → Durchblutungsstörung → Nekrose.
- Richter-Hernie (Darmwandhernie) — Einklemmung nur eines Teils der Darmwand. Gefährlich: ohne klare Klinik eines Ileus bei Nekrose.
- Littré-Hernie — Inkarzeration eines Meckel-Divertıkels.
Klinik
- Plötzlicher, scharfer Schmerz im Hernienbereich.
- Hernie ist irreponible, schmerzhaft, gespannt.
- Kein Hustenimpuls nachweisbar.
- Bei Inkarzeration einer Darmschleife — Bild eines Ileus: Erbrechen, Stuhl- und Windverhalt.
- Verschlechterung des Allgemeinzustands, Tachykardie, anschließende Intoxikation.
Verboten: gewaltsame Reposition einer inkarzerierten Hernie — Risiko einer „Scheinreposition“ mit Verlagerung einer nekrotisierten Schleife in die Bauchhöhle. Ausnahme: bei Kleinkindern in den ersten 1–2 Stunden bei konservativen Repositionsversuchen unter chirurgischer Überwachung.
6. Diagnostik
- Klinische Untersuchung — meist ausreichend.
- Weichteilsonographie — Bestätigung kleiner, irreponibler und rezidivierender Hernien.
- CT mit Valsalva-Manöver — bei komplexen postoperativen und seltenen Hernien.
- Kleine Blutuntersuchung, Klinische Chemie, Gerinnungsstatus, EKG — präoperativ.
7. Behandlung: Prinzipien und Methoden
Es gibt keine konservative Behandlung. Alle Hernien sind Indikationen für eine elektive Operation, inkarzerierte für eine Notfalloperation.
Elektive Operation
Schritte: Herniotomie (Freilegung und Eröffnung des Sacks), Revision und Reposition des Inhalts, Resektion des Sacks, Hernioplastik (Verschluss der Hernienpforte).
| Methode | Prinzip | Rezifive |
|---|---|---|
| Mit Spannung (Bassini, Shouldice) | Naht der eigenen Gewebestrukturen | 10–15 % |
| Lichtenstein (spannungsfrei) | Verstärkung der Hinterwand mit Polypropylennetz | 1–3 % |
| TAPP / TEP (laparoskopisch) | Einlegen des Netzes in den Präperitonealraum | 1–3 % |
Moderne Standardtherapie für primäre und rezidivierende Hernien ist die spannungsfreie Netzimplantation (Lichtenstein oder laparoskopisch).
Notfalloperation bei Inkarzeration
- Herniotomie — Eröffnung des Sacks vor der Inzision der Pforte (sonst „rutscht“ der Inhalt ohne Revision in die Bauchhöhle ab).
- Beurteilung der Darmviabilität: Farbe, Peristaltik, Pulsation der Mesenterialgefäße, Glanz der Serosa. Bei Zweifeln — Aufwärmen mit warmer NaCl-Lösung für 15–20 Minuten und erneute Beurteilung.
- Bei Nekrose — Darmresektion mit Anastomose.
- Plastik — Polypropylennetz nur bei Infektionsfreiheit; andernfalls mit Spannung.
8. Operationskomplikationen
- Frühkomplikationen: Hämatom, Serom, Wundinfektion, Läsion des Samenstrangs / Nervus ilioinguinalis mit chronischem Schmerzsyndrom.
- Spätkomplikationen: Rezidiv (wichtigstes Qualitätskriterium), chronisches Schmerzsyndrom, Netzinfektion.
9. Prävention
- Behandlung chronischer Faktoren eines erhöhten intraabdominellen Drucks: Obstipation, Husten, Prostatabehinderung.
- Stärkung der Muskulatur der vorderen Bauchwand.
- Gewichtskontrolle.
- Tragen eines Bruchbands — temporäre Maßnahme bei Patienten mit Kontraindikationen für eine Operation.
- Optimale Laparotomietechnik und rationaler Verschluss — Prophylaxe postoperativer Hernien.
10. FAQ
Kann eine Hernie „von alleine verschwinden“?
Nein. Eine Selbstheilung von Hernien gibt es nicht. Ohne Operation vergrößert sich die Vorwölbung mit der Zeit, das Inkarzerationsrisiko steigt.
Nach welcher Zeitspanne nach einer Inkarzeration kann der Darm absterben?
Irreversible Darmschäden entwickeln sich nach 2–4 Stunden Inkarzeration. Bei Zweifeln an der Viabilität — Resektion.
Kann eine Hernie laparoskopisch operiert werden?
Ja — die TAPP- und TEP-Verfahren führen zu weniger Schmerzen und schnellerer Rehabilitation bei vergleichbarer Rezidivrate wie die offene Lichtenstein-Operation.
Welche Gefahr geht von einer Richter-Hernie aus?
Es inkarzeriert nur ein Teil der Darmwand, es entwickelt sich kein Ileus, die Symptome sind verschleiert — die Diagnose wird oft spät, erst bei Peritonitis, gestellt.
Wann darf nach einer Plastik wieder schwer gehoben werden?
Belastungsbegrenzung auf bis zu 5 kg für 4–6 Wochen; vollständige Wiederaufnahme der körperlichen Aktivität nach 2–3 Monaten.
Siehe auch: Akutes Abdomen · Peritonitis · Cholezystitis · Wunden und Wundheilung · Chirurgiekatalog · Klinische Scores