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Auf den Punkt gebracht. Die akute Appendizitis ist das häufigste akute chirurgische Abdomen (7 % Lifetime-Risiko). Klinik: viszeraler Schmerz im Epigastrium → Migration in den rechten Unterbauch (Kocher-Zeichen), Übelkeit, Anorexie, subfebrile Temperaturen. Schlüsselsymptome: Blumberg-Zeichen (Loslassschmerz), Rovsing-Zeichen, Sitkovskiy-Zeichen, Barthel-Michelson-Zeichen, Psoas-Zeichen (Obraztsov), Obturator-Zeichen (Cope). Scores: Alvarado (< 4 niedrig, 4–6 intermediär, ≥ 7 hohes Risiko) und AIR. Sonographie bei Kindern und Schwangeren, CT als Standard bei Erwachsenen. Therapie — laparoskopische Appendektomie; bei unkomplizierter Appendizitis bei Erwachsenen ist eine konservative antibiotische Therapie vertretbar (APPAC-Trial).
1. Anatomie und Pathogenese
- Die Appendix vermiformis geht vom Caecum ab; Länge 5–15 cm.
- Lagen: pelvin, retrozäkal, retroperitoneal, subhepatisch, medial — bestimmen das klinische Bild.
- Blutversorgung: A. appendicularis (Ast der A. ileocolica).
- Pathogenese: Lumenobstruktion (Koprolith, lymphatische Hyperplasie, Tumor, Parasiten) → ↑ Druck → Ischämie → bakterielle Invasion → katarrhalisch → phlegmonös → gangränös → perforierte Appendizitis.
- Vom Beginn bis zur Perforation im Durchschnitt 24–72 h.
2. Klinik
- Kocher-Volkowitsch-Zeichen — Schmerzwanderung aus dem Epigastrium in den rechten Unterbauch.
- Anorexie, Übelkeit, Erbrechen 1–2 mal.
- Subfebrile Temperaturen (> 38 °C — bei Destruktion).
- Tachykardie.
- Lokaler Schmerz am McBurney-Punkt (Grenze des mittleren zum äußeren Drittel der Verbindungslinie Spina iliaca anterior superior bis Nabel).
- Stuhlverstopfung oder Diarrhoe (bei pelviner Lage).
- Dysurie (bei Kontakt zur Harnblase/Beckwand).
3. Symptome
| Symptom | Beschreibung |
|---|---|
| Blumberg-Zeichen | Verstärkung des Schmerzes beim plötzlichen Loslassen der Hand vom Abdomen — Zeichen einer Peritonismusreizung |
| Rovsing-Zeichen | Schmerz im rechten Unterbauch bei retrogradem Ausstreichen des Kolons von links nach rechts |
| Sitkovskiy-Zeichen | Verstärkung des Schmerzes im rechten Unterbauch beim Drehen auf die linke Seite |
| Barthel-Michelson-Zeichen | Verstärkung des Schmerzes bei Palpation in Linksseitenlage |
| Psoas-Zeichen (Obraztsov) | Schmerz beim Anheben und Widerstand gegen das gestreckte rechte Bein — retrozäkal |
| Obturator-Zeichen (Cope) | Schmerz bei Innenrotation des gebeugten rechten Beins — pelvine Appendizitis |
| Woskressenski-Zeichen («Hemdzeichen») | Schmerz beim schnellen Gleiten mit der Hand über das gespannte Hemd vom Epigastrium in den rechten Unterbauch |
| Razdolskiy-Zeichen | Schmerzhafte Perkussion im rechten Unterbauch |
| Dumbadze-Zeichen | Druckschmerz bei Palpation direkt am Nabel (Peritonitis) |
4. Alvarado-Score
| Merkmal | Punkte |
|---|---|
| Schmerzwanderung | 1 |
| Anorexie | 1 |
| Übelkeit/Erbrechen | 1 |
| Druckschmerz im rechten Unterbauch | 2 |
| Loslassschmerz (Blumberg) | 1 |
| Temperatur > 37,3 °C | 1 |
| Leukozytose > 10 × 10⁹/l | 2 |
| Linksverschiebung des Blutbildes | 1 |
- 0–4: niedriges Risiko, Beobachtung.
- 5–6: intermediär, CT/Sonographie.
- 7–10: hoch, Operation.
AIR-Score (Appendicitis Inflammatory Response)
- Berücksichtigt CRP; sensitiver bei Erwachsenen, insbesondere Frauen.
5. Diagnostik
- Klinische Untersuchung + Scores.
- Großes Blutbild: Leukozytose, Linksverschiebung, CRP.
- Urinstatus: Ausschluss renaler Pathologien; Leukozyturie bei pelviner Lage möglich.
- Sonographie: erste Wahl bei Kindern, Schwangeren, schlanken Erwachsenen; Sensitivität 85 %, Spezifität 90 %. Kriterien: Durchmesser > 7 mm, nicht komprimierbar, „Target-Sign“, freie Flüssigkeit, erhöhte Echogenität des umgebenden Fettes.
- Abdomen-CT mit i.v.-Kontrastmittel: Goldstandard bei Erwachsenen, Sensitivität/Spezifität > 95 %.
- MRT: Schwangere mit unklarer Sonographie.
- β-hCG — bei Frauen im gebärfähigen Alter (zum Ausschluss einer Ectopia graviditatis).
6. Differenzialdiagnose
- Gynäkologische Ursachen: Ovarialtorsion, Follikelruptur, Eileiterschwangerschaft (Ektopie), PID (pelvine Inflammationskrankheit).
- Urologische Ursachen: Nierenkolik, Pyelonephritis.
- Gastrointestinale Ursachen: Mesenteriale Lymphadenitis, Ileitis bei Yersiniose/Morbus Crohn, Divertikulitis (u. a. Meckel-Divertikulitis), Invagination bei Kindern.
- Extraabdominelle Ursachen: Rechtsseitige Pneumonie mit Pleuvareaktion, diabetische Ketoazidose.
- Sonstige: Akute Cholezystitis, Ulkuskrankheit mit Perforation.
7. Komplikationen der Appendizitis
- Perforation → generalisierte Peritonitis.
- Appendizitis-Infiltrat — tastbarer, schmerzhafter Tumor im rechten Unterbauch; Vorgehen — konservativ (Antibiotika) für 4–6 Wochen → Intervallappendektomie (gelegentlich nicht erforderlich).
- Appendizitis-Abszess — perkutane Drainage unter sonographischer/CT-Kontrolle, Antibiose, Intervalloperation nach 6–8 Wochen.
- Pylephlebitis (aufsteigende Pfortaderthrombose) — selten, schwerwiegend.
- Sepsis.
8. Behandlung
Operativ (Standard)
- Laparoskopische Appendektomie — Methode der Wahl (weniger Schmerzen, geringere Wundinfektionsrate, schnellere Genesung).
- Konventionelle Appendektomie (offen) — bei komplizierten Fällen, fehlender technischer Ausstattung, Schwangerschaft (individuelle Abwägung).
- Perioperative Antibiose: Cefoxitin oder Ceftriaxon + Metronidazol.
- Bei komplizierten Verläufen (Peritonitis): Carbapeneme oder Ceftriaxon + Metronidazol, 4–7 Tage.
Konservativ
- Unkomplizierte Appendizitis bei Erwachsenen — antibiotische Therapie möglich (APPAC-, CODA-Studien).
- Rezidivrate — 30–40 % innerhalb von 5 Jahren.
- Indikationen: Ablehnung der Operation, hohes Operationsrisiko, erschwerte Logistik.
Besondere Patientengruppen
- Schwangere: Höheres Perforationsrisiko (physiologische Immunsuppression, Verlagerung der Appendix). Sonographie/MRT. Laparoskopie im 2. Trimenon sicher.
- Kinder: Erschwerte Diagnostik (atypisches klinisches Bild, rasche Perforation), Ultraschall als primäres Verfahren.
- Ältere Patienten: Häufig atypische Symptomatik, späte Diagnostik; Letalität bei Perforation bis zu 10 %.
9. Perioperatives Management
- Präoperative Antibiotikaprophylaxe 30–60 Minuten vor dem Hautschnitt.
- Frühzeitige Mobilisation und Nahrungsaufbau (ERAS-Protokoll).
- Schmerztherapie: Multimodal (Paracetamol, NSAID, bei Bedarf Opioide).
- Wundkontrolle, Überwachung auf infektiöse Komplikationen.
- Bei intraoperativ unauffälliger Appendix — Exploration: Meckel-Divertikel, Ileitis, Adnexe.
10. FAQ
Wann ist eine konservative Therapie vertretbar?
Unkomplizierte Appendizitis bei Erwachsenen ohne Appendikolith: Antibiose + Beobachtung. Ein Drittel benötigt im Laufe eines Jahres dennoch eine Operation. Der Patient muss über diese Behandlungsalternative aufgeklärt werden.
Warum ist das „Bauchwickel/Wärmen“ bei Verdacht auf Appendizitis gefährlich?
Überholte Praxis. Aktive Wärmeanwendungen und Einläufe beschleunigen die Perforation. Ausschließlich NPO (nichts per os), i.v.-Flüssigkeit, Antibiose, chirurgische Evaluation.
Warum ist eine Appendizitis in der Schwangerschaft gefährlich?
Atypische Lokalisation (nach kranial und lateral verlagert), durch Schwangerschaftsüllkeit maskiert, erschwerte Diagnostik. Perforation → Peritonitis → erhöhte fetale Verluste bis zu 30 %.
Wie unterscheidet man eine Appendizitis von einer Extrauteringravidität?
β-hCG positiv, Unterbauchschmerzen mit Ausstrahlung in die Schulter bei Ruptur, hämodynamische Instabilität, Ultraschall — freie Flüssigkeit im kleinen Becken bei fehlender intrauteriner Schwangerschaft.
Was versteht man unter einem Appendizitis-Infiltrat?
Einen schmerzhaften, tastbaren, abgegrenzten Tumor als lokale Peritonealreaktion. Vorgehen: Konservativ (Antibiose + Kälte, körperliche Schonkost) für 4–6 Wochen. Operation im „ruhigen“ Intervall bei persistierenden Beschwerden. Abszess — perkutane Drainage.
Siehe auch: Peritonitis · Ileus · PID (pelvine Inflammationskrankheit) · Cholezystitis · Chirurgischer Katalog