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Allgemeinchirurgie

Akute Appendizitis: Klinik, Alvarado-Score, Diagnostik und Laparoskopie

Redaktion von WhiteCoat Pro11. April 2026Aktualisiert am 16. September 20264 Min. Lesezeit
Inhalt · 10 Abschnitte
  1. 1. Anatomie und Pathogenese
  2. 2. Klinik
  3. 3. Symptome
  4. 4. Alvarado-Score
  5. 5. Diagnostik
  6. 6. Differentialdiagnose
  7. 7. Komplikationen der Appendizitis
  8. 8. Therapie
  9. 9. Perioperatives Management
  10. 10. FAQ

Auf den Punkt gebracht. Die akute Appendizitis ist das häufigste akute chirurgische Abdomen (7 % Lifetime-Risiko). Klinik: viszeraler Schmerz im Epigastrium → Migration in den rechten Unterbauch (Kocher-Zeichen), Übelkeit, Anorexie, subfebrile Temperaturen. Schlüsselsymptome: Blumberg-Zeichen (Loslassschmerz), Rovsing-Zeichen, Sitkovskiy-Zeichen, Barthel-Michelson-Zeichen, Psoas-Zeichen (Obraztsov), Obturator-Zeichen (Cope). Scores: Alvarado (< 4 niedrig, 4–6 intermediär, ≥ 7 hohes Risiko) und AIR. Sonographie bei Kindern und Schwangeren, CT als Standard bei Erwachsenen. Therapie — laparoskopische Appendektomie; bei unkomplizierter Appendizitis bei Erwachsenen ist eine konservative antibiotische Therapie vertretbar (APPAC-Trial).

1. Anatomie und Pathogenese

  • Die Appendix vermiformis geht vom Caecum ab; Länge 5–15 cm.
  • Lagen: pelvin, retrozäkal, retroperitoneal, subhepatisch, medial — bestimmen das klinische Bild.
  • Blutversorgung: A. appendicularis (Ast der A. ileocolica).
  • Pathogenese: Lumenobstruktion (Koprolith, lymphatische Hyperplasie, Tumor, Parasiten) → ↑ Druck → Ischämie → bakterielle Invasion → katarrhalisch → phlegmonös → gangränös → perforierte Appendizitis.
  • Vom Beginn bis zur Perforation im Durchschnitt 24–72 h.

2. Klinik

  • Kocher-Volkowitsch-Zeichen — Schmerzwanderung aus dem Epigastrium in den rechten Unterbauch.
  • Anorexie, Übelkeit, Erbrechen 1–2 mal.
  • Subfebrile Temperaturen (> 38 °C — bei Destruktion).
  • Tachykardie.
  • Lokaler Schmerz am McBurney-Punkt (Grenze des mittleren zum äußeren Drittel der Verbindungslinie Spina iliaca anterior superior bis Nabel).
  • Stuhlverstopfung oder Diarrhoe (bei pelviner Lage).
  • Dysurie (bei Kontakt zur Harnblase/Beckwand).

3. Symptome

SymptomBeschreibung
Blumberg-ZeichenVerstärkung des Schmerzes beim plötzlichen Loslassen der Hand vom Abdomen — Zeichen einer Peritonismusreizung
Rovsing-ZeichenSchmerz im rechten Unterbauch bei retrogradem Ausstreichen des Kolons von links nach rechts
Sitkovskiy-ZeichenVerstärkung des Schmerzes im rechten Unterbauch beim Drehen auf die linke Seite
Barthel-Michelson-ZeichenVerstärkung des Schmerzes bei Palpation in Linksseitenlage
Psoas-Zeichen (Obraztsov)Schmerz beim Anheben und Widerstand gegen das gestreckte rechte Bein — retrozäkal
Obturator-Zeichen (Cope)Schmerz bei Innenrotation des gebeugten rechten Beins — pelvine Appendizitis
Woskressenski-Zeichen («Hemdzeichen»)Schmerz beim schnellen Gleiten mit der Hand über das gespannte Hemd vom Epigastrium in den rechten Unterbauch
Razdolskiy-ZeichenSchmerzhafte Perkussion im rechten Unterbauch
Dumbadze-ZeichenDruckschmerz bei Palpation direkt am Nabel (Peritonitis)

4. Alvarado-Score

MerkmalPunkte
Schmerzwanderung1
Anorexie1
Übelkeit/Erbrechen1
Druckschmerz im rechten Unterbauch2
Loslassschmerz (Blumberg)1
Temperatur > 37,3 °C1
Leukozytose > 10 × 10⁹/l2
Linksverschiebung des Blutbildes1
  • 0–4: niedriges Risiko, Beobachtung.
  • 5–6: intermediär, CT/Sonographie.
  • 7–10: hoch, Operation.

AIR-Score (Appendicitis Inflammatory Response)

  • Berücksichtigt CRP; sensitiver bei Erwachsenen, insbesondere Frauen.

5. Diagnostik

  • Klinische Untersuchung + Scores.
  • Großes Blutbild: Leukozytose, Linksverschiebung, CRP.
  • Urinstatus: Ausschluss renaler Pathologien; Leukozyturie bei pelviner Lage möglich.
  • Sonographie: erste Wahl bei Kindern, Schwangeren, schlanken Erwachsenen; Sensitivität 85 %, Spezifität 90 %. Kriterien: Durchmesser > 7 mm, nicht komprimierbar, „Target-Sign“, freie Flüssigkeit, erhöhte Echogenität des umgebenden Fettes.
  • Abdomen-CT mit i.v.-Kontrastmittel: Goldstandard bei Erwachsenen, Sensitivität/Spezifität > 95 %.
  • MRT: Schwangere mit unklarer Sonographie.
  • β-hCG — bei Frauen im gebärfähigen Alter (zum Ausschluss einer Ectopia graviditatis).

6. Differenzialdiagnose

  • Gynäkologische Ursachen: Ovarialtorsion, Follikelruptur, Eileiterschwangerschaft (Ektopie), PID (pelvine Inflammationskrankheit).
  • Urologische Ursachen: Nierenkolik, Pyelonephritis.
  • Gastrointestinale Ursachen: Mesenteriale Lymphadenitis, Ileitis bei Yersiniose/Morbus Crohn, Divertikulitis (u. a. Meckel-Divertikulitis), Invagination bei Kindern.
  • Extraabdominelle Ursachen: Rechtsseitige Pneumonie mit Pleuvareaktion, diabetische Ketoazidose.
  • Sonstige: Akute Cholezystitis, Ulkuskrankheit mit Perforation.

7. Komplikationen der Appendizitis

  • Perforation → generalisierte Peritonitis.
  • Appendizitis-Infiltrat — tastbarer, schmerzhafter Tumor im rechten Unterbauch; Vorgehen — konservativ (Antibiotika) für 4–6 Wochen → Intervallappendektomie (gelegentlich nicht erforderlich).
  • Appendizitis-Abszess — perkutane Drainage unter sonographischer/CT-Kontrolle, Antibiose, Intervalloperation nach 6–8 Wochen.
  • Pylephlebitis (aufsteigende Pfortaderthrombose) — selten, schwerwiegend.
  • Sepsis.

8. Behandlung

Operativ (Standard)

  • Laparoskopische Appendektomie — Methode der Wahl (weniger Schmerzen, geringere Wundinfektionsrate, schnellere Genesung).
  • Konventionelle Appendektomie (offen) — bei komplizierten Fällen, fehlender technischer Ausstattung, Schwangerschaft (individuelle Abwägung).
  • Perioperative Antibiose: Cefoxitin oder Ceftriaxon + Metronidazol.
  • Bei komplizierten Verläufen (Peritonitis): Carbapeneme oder Ceftriaxon + Metronidazol, 4–7 Tage.

Konservativ

  • Unkomplizierte Appendizitis bei Erwachsenen — antibiotische Therapie möglich (APPAC-, CODA-Studien).
  • Rezidivrate — 30–40 % innerhalb von 5 Jahren.
  • Indikationen: Ablehnung der Operation, hohes Operationsrisiko, erschwerte Logistik.

Besondere Patientengruppen

  • Schwangere: Höheres Perforationsrisiko (physiologische Immunsuppression, Verlagerung der Appendix). Sonographie/MRT. Laparoskopie im 2. Trimenon sicher.
  • Kinder: Erschwerte Diagnostik (atypisches klinisches Bild, rasche Perforation), Ultraschall als primäres Verfahren.
  • Ältere Patienten: Häufig atypische Symptomatik, späte Diagnostik; Letalität bei Perforation bis zu 10 %.

9. Perioperatives Management

  • Präoperative Antibiotikaprophylaxe 30–60 Minuten vor dem Hautschnitt.
  • Frühzeitige Mobilisation und Nahrungsaufbau (ERAS-Protokoll).
  • Schmerztherapie: Multimodal (Paracetamol, NSAID, bei Bedarf Opioide).
  • Wundkontrolle, Überwachung auf infektiöse Komplikationen.
  • Bei intraoperativ unauffälliger Appendix — Exploration: Meckel-Divertikel, Ileitis, Adnexe.

10. FAQ

Wann ist eine konservative Therapie vertretbar?
Unkomplizierte Appendizitis bei Erwachsenen ohne Appendikolith: Antibiose + Beobachtung. Ein Drittel benötigt im Laufe eines Jahres dennoch eine Operation. Der Patient muss über diese Behandlungsalternative aufgeklärt werden.

Warum ist das „Bauchwickel/Wärmen“ bei Verdacht auf Appendizitis gefährlich?
Überholte Praxis. Aktive Wärmeanwendungen und Einläufe beschleunigen die Perforation. Ausschließlich NPO (nichts per os), i.v.-Flüssigkeit, Antibiose, chirurgische Evaluation.

Warum ist eine Appendizitis in der Schwangerschaft gefährlich?
Atypische Lokalisation (nach kranial und lateral verlagert), durch Schwangerschaftsüllkeit maskiert, erschwerte Diagnostik. Perforation → Peritonitis → erhöhte fetale Verluste bis zu 30 %.

Wie unterscheidet man eine Appendizitis von einer Extrauteringravidität?
β-hCG positiv, Unterbauchschmerzen mit Ausstrahlung in die Schulter bei Ruptur, hämodynamische Instabilität, Ultraschall — freie Flüssigkeit im kleinen Becken bei fehlender intrauteriner Schwangerschaft.

Was versteht man unter einem Appendizitis-Infiltrat?
Einen schmerzhaften, tastbaren, abgegrenzten Tumor als lokale Peritonealreaktion. Vorgehen: Konservativ (Antibiose + Kälte, körperliche Schonkost) für 4–6 Wochen. Operation im „ruhigen“ Intervall bei persistierenden Beschwerden. Abszess — perkutane Drainage.

Siehe auch: Peritonitis · Ileus · PID (pelvine Inflammationskrankheit) · Cholezystitis · Chirurgischer Katalog

Das Material hat Bildungscharakter und ersetzt keine ärztliche Beratung. Überprüfen Sie Behandlungs- und Dosierungsschemata anhand der geltenden klinischen Leitlinien.

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