Klassifikation nach Wirkungsselektivität
Alle Arzneistoffe, die sensible Rezeptoren erregen, werden in der Pharmakologie in zwei große Gruppen unterteilt:
- Präparate mit selektiver Wirkung. Sie stimulieren streng definierte Rezeptorgruppen. Dazu gehören:
- Bittermittel — wirken ausschließlich auf die Geschmacksrezeptoren.
- Empektika und Expektoranzien mit reflexartiger Wirkung — stimulieren den Rezeptorapparat des Magens.
- Laxanzien — wirken auf die Darmrezeptoren.
- Präparate mit unselektiver Wirkung. Genau diese Gruppe wird in der klassischen Pharmakologie als Reizmittel bezeichnet. Sie stimulieren die Rezeptoren von Haut und Schleimhäuten ohne strenge Spezifität für einen bestimmten Subtyp von Nervenendigungen.
Wirkungsmechanismen: ablenkende und trophische Effekte
Die klinische Anwendung von Reizmitteln (bei Myositis, Neuritis, Arthritis und Erkrankungen der Atemwege) basiert auf zwei physiologischen Phänomenen.
1. Mechanismus der „ablenkenden Wirkung“ (Schmerzlinderung) Das Präparat wird auf gesunde Hautareale aufgetragen, die eine segmentale Innervation mit dem erkrankten Organ oder Gewebe teilen. Dabei entstehen zwei parallele Impulsempfindungen, die über afferente Fasern zum Zentralnervensystem geleitet werden:
- Pathologischer Schmerzstrom aus dem erkrankten inneren Organ.
- Künstlicher Strom von den Hautrezeptoren, die durch das Präparat erregt wurden.
In den Segmenten des Rückenmarks und den übergeordneten ZNS-Zentren interagieren diese Ströme. Infolgedessen wird die Wahrnehmung der afferenten Schmerzimpulse unterdrückt, und der Patient verspürt Schmerzlinderung.
2. Trophische Wirkung Die Rezeptorerregung verbessert reflexartig die Durchblutung und Ernährung (Trophik) im betroffenen Organ. Dieser Effekt wird über mehrere Wege realisiert:
- Sympathische Aktivierung: Die Erregung der Hautrezeptoren stimuliert die sympathische Innervation der inneren Organe.
- Axonreflex: Die Nervenerregung breitet sich unter Umgehung des ZNS aus — antidrom (in entgegengesetzter Richtung) über die Verzweigungen postganglionärer sympathischer Fasern.
- Kutivisceraler Reflex: Die klassische Impulsübertragung über ZNS-Zentren zum Effektorenhorgan.
- Humoraler Faktor: Am Ort der Hautreizung werden biologisch aktive Substanzen (Histamin, Bradykinin) freigesetzt, die den Gefäßtonus und den Gewebsstoffwechsel lokal regulieren.
Charakteristik der wichtigsten Präparate
In der medizinischen Praxis werden sowohl pflanzliche als auch synthetische Mittel eingesetzt. Zu den Hauptvertretern der Reizmittel gehören 10%iges Ammoniakwasser, Menthol (Racemethol) und die folgenden Präparate:
- Senfpflaster (Sinapis). Dabei handelt es sich um Papier mit einer darauf aufgebrachten Schicht aus Senfsamenpulver. Sie enthalten das Glykosid Sinigrin und das Enzym Myrosin. Um das Präparat zu aktivieren, muss es in warmes Wasser mit einer Temperatur von ca. $38^\circ C$ getaucht werden. Bei dieser Temperatur startet das Myrosin die Hydrolyse des Sinigrins, wodurch Allylisothiocyanat (ätherisches Senföl) als Hauptreizstoff entsteht.
- Alkoholkompressen. Der Wirkstoff ist Ethanol (Spiritus aethylicus). Für Erwachsene wird eine Konzentration von 40% verwendet, die eine ausgeprägte Reizwirkung aufweist. In der Pädiatrie wird 20%iger Alkohol eingesetzt, um chemische Verbrennungen zu vermeiden.
- Cayennepfefferpräparate (Capsicum). Der Hauptreizstoff ist das Glykosid Capsaicin. Es wird in Form von Tinktur, Pfefferpflaster sowie als Bestandteil von Cremes und Salben („Nikoflex“, „Efkamon“) verwendet.
- Terpentinöl (Oleum Terebinthinae rectificatum). Dies ist gereinigtes Terpentinöl, ein Produkt der Destillation von Kiefernbalsam (Pinus sylvestris). In der chemischen Struktur überwiegen lipophile Terpene (Hauptbestandteil: $\alpha$-Pinen). Dank seiner hohen Lipophilie dringt Terpentinöl leicht durch die Epidermis und reizt die Nervenendigungen effektiv.
Kurz gefasst: Antworten auf Fragen zum Thema
Bei welchen Erkrankungen ist die klinische Anwendung von Reizmitteln indiziert?
Die klinische Anwendung von Reizmitteln ist bei verschiedenen Entzündungs- und Schmerzsyndromen indiziert. Präparate dieser Gruppe werden bei folgenden Pathologien eingesetzt:
- Atemwegserkrankungen — werden zur Erzielung von ablenkenden und trophischen Effekten eingesetzt.
- Myositiden — Muskelschmerzen.
- Neuritiden und Neuralgien — Schmerzen entlang der Nervenbahnen.
- Arthritiden — Gelenkschmerzen.
- Angina pectoris — die Anwendung von Senfpflastern (Sinapis) ist indiziert.
Welche Nebenwirkungen können bei unsachgemäßer Anwendung von Reizmitteln auftreten?
Bei unsachgemäßer Anwendung von Reizmitteln kann es zu lokalen Gewebeschäden kommen. Zu den Hauptnebenwirkungen gehören:
- Chemische Hautverbrennungen — können bei der Verwendung übermäßig konzentrierter Lösungen oder bei der Hautbehandlung mit alkoholischen Jodlösungen auftreten.
- Gewebsreizung — tritt bei der Anwendung hoher Konzentrationen reizender Substanzen auf.
- Verbrennungen empfindlicher Kinderhaut — zur Vermeidung werden in der Pädiatrie 20%iges Ethanol statt 40% verwendet.
Um sich die Wege der Realisierung der trophischen Wirkung leicht zu merken, verwenden Sie das Akronym SAH: Sympathische Aktivierung, Axonreflex, Humoraler Faktor. Fügt man den Kutivisceralen Reflex hinzu, erhält man das Wort KSAH.
Fragen aus Vorlesungen und Prüfungen
Wohin werden Präparate zur Erzielung eines ablenkenden Effekts aufgetragen?
Reizmittel werden auf gesunde Hautareale aufgetragen, die eine segmentale Innervation mit dem erkrankten Organ aufweisen (gemäß dem segmentalen Körperbau). Dies ist für das Zusammentreffen der beiden Impulsströme im ZNS erforderlich.
Wodurch dringt Terpentinöl so leicht durch die Haut?
Terpentinöl enthält alpha-Pinen — eine Substanz mit hoher Lipophilie. Die lipophile Struktur ermöglicht es ihm, die epidermale Barriere leicht zu überwinden und die Endigungen sensibler Nerven zu erreichen.
Was es zum Thema noch zu wiederholen gibt
- Wirkungsmechanismen von Präparaten des selektiven Typs: Bittermittel, Empektika und Laxanzien.
- Detaillierte Anatomie und Physiologie der segmentalen Innervation des Körpers.
- Neurophysiologie des Axonreflexes und der antidromen Nervenimpulsleitung.
- Einfluss von Histamin und Bradykinin auf den Gefäßtonus im Rahmen des humoralen Mechanismus.
Arbeiten Sie das Thema komplett im Kurs «Pharmakologie» durch
Hier ist die Zusammenfassung. Im Kurs finden Sie alles, was in Vorlesung und Prüfung gefragt wird.
- Vollständiger Leitfaden zum Thema „Reizmittel“ und weitere 5.304 Seiten des Fachs
- Aufgaben und Tests nach jedem Thema – wie beim Kolloquium
- Der KI-Tutor beantwortet Ihre Fragen zum Thema jederzeit
- 116 Videolektionen zum Fach
Weitere Themen des Bereichs „Schmerzmittel“
Kostenlose Videolektionen: PharmakologieKurze Lektionen mit Skripten — ohne Registrierung.
Das Material wurde von Dozenten von WhiteCoat Pro nach dem Lehrplan medizinischer Hochschulen erstellt. Es hat Bildungscharakter.