Inhalt · 11 Abschnitte
- 1. Was sind Glukokortikoide
- 2. Wirkungsmechanismus
- 3. Klassifikation nach Wirkungsdauer
- 4. Äquivalenzdosis-Tabelle — unbedingt merken
- 5. Indikationen für die systemische Therapie
- 6. Dosierungsschemata
- 7. Nebenwirkungen
- 8. Absetzregeln und „Withdrawal“
- 9. Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen
- 10. Wechselwirkungen
- 11. FAQ
Auf den Punkt gebracht. Glukokortikoide (GK) sind starke entzündungshemmende und immunsuppressive Medikamente. Der Mechanismus ist überwiegend genomisch (über Transkriptionsfaktoren NF-κB, AP-1). Äquivalenzdosis: Prednisolon 5 mg = Methylprednisolon 4 mg = Dexamethason 0,75 mg = Hydrocortison 20 mg. Eine Therapie > 2 Wochen wird wegen des Risikos einer Nebennierenrindeninsuffizienz ausschleichend abgesetzt.
1. Was sind Glukokortikoide
Glukokortikoide sind Steroidhormone, die in der Zona fasciculata der Nebennierenrinde synthetisiert werden, sowie deren synthetische Analoga. Das natürliche Hormon des Menschen ist Cortisol (als Medikament Hydrocortison). Synthetische GK — Prednisolon, Methylprednisolon, Dexamethason, Betamethason, Triamcinolon — wurden entwickelt, um die entzündungshemmende Wirkung zu verstärken und gleichzeitig die mineralokortikoide Aktivität (Natrium- und Wasserretention) zu verringern.
Regulation: Der Hypothalamus schüttet Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH) aus → der Hypophysenvorderlappen schüttet ACTH aus → die Nebennierenrinde sezerniert Cortisol. Es existiert ein negativer Rückkopplungsmechanismus: Ein hoher Cortisolspiegel hemmt sowohl den Hypothalamus als auch die Hypophyse. Genau dies liegt der sekundären Nebennierenrindeninsuffizienz beim Absetzen einer langfristigen GK-Therapie zugrunde.
2. Wirkungsmechanismus
Genomischer Mechanismus (hauptsächlich, setzt nach 30 Min. bis einigen Stunden ein):
- Das GK dringt durch die Zellmembran (lipophiles Molekül).
- Bindet an den zytoplasmatischen GR (Glukokortikoidrezeptor) und setzt dabei das Chaperon HSP90 frei.
- Der GK-GR-Komplex wird in den Zellkern transportiert.
- Bindet an GRE (glucocorticoid response element) an der DNA → Aktivierung der Transkription antiinflammatorischer Gene (Lipocortin-1, IκB, MKP-1) und Suppression von NF-κB / AP-1 — Schlüssel-Entzündungsfaktoren.
Nicht-genomischer Mechanismus (Minuten, bei hohen Dosen): Interaktion mit Membranrezeptoren und Membranlipiden — wird bei der Methylprednisolon-Pulstherapie genutzt.
Haupteffekte
- Entzündungshemmend: ↓ Expression von COX-2, Phospholipase A2, Zytokinen (IL-1, IL-6, TNF-α).
- Immunsuppressiv: ↓ Aktivierung von T-Lymphozyten, Lymphozytenapoptose, ↓ Neutrophilenmigration.
- Metabolisch: ↑ Gluconeogenese, ↑ Muskelproteolyse, Fettumverteilung.
- Mineralokortikoid (ausgeprägt bei Hydrocortison): Retention von Na⁺ und H₂O, K⁺-Verlust.
3. Klassifikation nach Wirkungsdauer
| Gruppe | Medikamente | Biologische HWZ, h | Min.-kort. Akt. |
|---|---|---|---|
| Kurzwirksam | Hydrocortison, Cortison | 8–12 | ++ |
| Mittellang wirksam | Prednisolon, Methylprednisolon, Triamcinolon | 18–36 | + (bei Methylpred — 0) |
| Langwirksam | Dexamethason, Betamethason | 36–54 | 0 |
Je länger die biologische Halbwertszeit, desto stärker die Suppression der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHN-Achse).
4. Äquivalenzdosis-Tabelle — unbedingt merken
| Wirkstoff | Äquivalenzdosis (mg) | Antiphlog. Akt. | Min.-kort. Akt. |
|---|---|---|---|
| Hydrocortison | 20 | 1 | 1 |
| Prednisolon | 5 | 4 | 0,8 |
| Methylprednisolon | 4 | 5 | 0,5 |
| Triamcinolon | 4 | 5 | 0 |
| Dexamethason | 0,75 | 25–30 | 0 |
| Betamethason | 0,6 | 25–30 | 0 |
Eselsbrücke: 20–5–4–0,75 (Hydrocortison → Prednisolon → Methylprednisolon → Dexamethason). Alle zeigen eine ≈ gleiche entzündungshemmende Wirkung.
5. Indikationen für die systemische Therapie
- Ersatztherapie bei Nebennierenrindeninsuffizienz (Addison-Krankheit, Hypopituitarismus).
- Rheumatische Erkrankungen: SLE, aktive RA, Vaskulitiden, Polymyositis.
- Schwere allergische Reaktionen, Anaphylaxie (ergänzend zu Adrenalin).
- Bronchialasthma (systemisch bei Exazerbation; inhalativ als Basistherapie).
- Hämatologie: autoimmune Thrombozytopenie, hämolytische Anämie, Lymphome (in CHOP-Schemata).
- Hirnödem (Dexamethason bei Tumoren, bakterieller Meningitis).
- Immunsuppression bei Organtransplantation.
- Prävention des Respiratory Distress Syndrome (RDS) bei Frühgeborenen (Betamethason für die Schwangere bei drohender Frühgeburt in der 24.–34. SSW).
6. Dosierungsschemata
- Niedrige Dosen: < 7,5 mg Prednisolon/Tag — physiologische Substitution.
- Mittlere Dosen: 7,5–30 mg/Tag — Basistherapie in der Rheumatologie.
- Hohe Dosen: 30–100 mg/Tag — Exazerbationen, Vaskulitiden.
- Pulstherapie: Methylprednisolon 500–1000 mg i.v. an 3 aufeinanderfolgenden Tagen — bei schweren Exazerbationen von SLE, MS, Transplantatabstoßung.
Die Einnahme 1-mal/Tag morgens (7–9 Uhr) ist physiologischer — sie ahmt den tagenzeitlichen Kortisolrhythmus nach und supprimiert die HPA-Achse weniger.
7. Nebenwirkungen
GK sind das klassische Beispiel für Medikamente mit zahlreichen Nebenwirkungen, die in Prüfungen gerne abgefragt werden. Das klinische Bild einer Langzeittherapie erinnert an das Cushing-Syndrom (exogen):
| System | Nebenwirkungen |
|---|---|
| Stoffwechsel | Steroiddiabetes, Fettverteilungsstörung (Vollmondgesicht, Stiernacken, extremitätenbetonte Auszehrung), Hyperlipidämie |
| KVS | Arterielle Hypertonie, Flüssigkeitsretention (bei Hydrokortison) |
| Skelettmuskulatur | Osteoporose, aseptische Hüftkopfnekrose, Myopathie, Wachstumsretention bei Kindern |
| GI | «Steroidulzera», Pankreatitis |
| Haut | Striae, Ekchymosen, Atrophie, Hirsutismus, Akne, verzögerte Wundheilung |
| CNS | Schlaflosigkeit, Euphorie, Psychose, Depression beim Absetzen |
| Auge | Hintere subkapsuläre Katarakt, Glaukom |
| Immunsystem | Aktivierung latenter Infektionen (Tuberkulose, Herpes), opportunistische Infektionen |
| Endokrine System | Suppression der HPA-Achse, sekundäre Nebennierenrindeninsuffizienz |
8. Absetzregeln und „Withdrawal“
Wenn GK > 2–3 Wochen in einer Dosis von ≥ 7,5 mg/Tag Prednisolon eingenommen wurden, ist ein abruptes Absetzen durch eine akute Nebennierenrindeninsuffizienz gefährlich (Addison-Krise: Hypotonie, Übelkeit, Erbrechen, Schwäche, Schok).
Schema zum schrittweisen Absetzen (Beispiel):
- Reduktion um 5–10 mg Prednisolon alle 1–2 Wochen bis zu einer Dosis von 20 mg/Tag.
- Danach um 2,5 mg alle 1–2 Wochen bis 10 mg/Tag.
- Danach um 1 mg alle 2–4 Wochen bis zum vollständigen Absetzen.
Bei Stress (Operation, Infektion) bei einem Patienten unter Langzeittherapie mit GK — die Dosis temporär erhöhen oder auf parenterales Hydrokortison 100 mg i.v. alle 6–8 h umstellen.
9. Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen
- Absolute Kontraindikationen bei lebensbedrohlichen Zuständen gibt es nicht.
- Relative: aktive bakterielle, pilzbedingte, virale Infektionen (u. a. Herpes); Magen-Darm-Ulkus; Diabetes mellitus; schwere Hypertonie; Osteoporose; Psychosen in der Anamnese; Schwangerschaft (außer Betamethason zur RDS-Prophylaxe).
- Vor einer Langzeittherapie — Densitometrie, Glukose, Lipidprofil, Tuberkulosescreening.
- Unter laufender Therapie — Kalzium 1000–1500 mg/Tag + Vitamin D 800–1000 IE/Tag, nach Indikation Bisphosphonate.
10. Wechselwirkungen
- NSAR — ↑ Risiko von Magen-Darm-Ulzerationen (Synergismus).
- Thiazide, Schleifendiuretika — Verstärkung der Hypokaliämie.
- CYP3A4-Induktoren (Rifampicin, Phenytoin, Carbamazepin) — beschleunigen den GK-Metabolismus, senken die Wirkung.
- CYP3A4-Inhibitoren (Ketoconazol, Clarithromycin) — verstärken die Wirkung und Nebenwirkungen.
- Lebendimpfstoffe — unter immunsuppressiven Dosierungen kontraindiziert.
11. FAQ
Welches GK gilt in der Rheumatologie als «Goldstandard»?
Prednisolon — wegen der praktischen Dosierbarkeit, der verfügbaren Pharmakokinetik und der ausgewogenen Wirksamkeit.
Warum wird bei Hirnödemen gerade Dexamethason eingesetzt?
Es hat eineミネrale (null) Mineralokortikoidaktivität (retiniert kein Wasser) und eine maximale entzündungshemmende Wirkung. Prednisolon retiniert Natrium — dies verschlechtert das Ödem.
Was ist eine «Pulstherapie» und wann ist sie indiziert?
Die intravenöse Gabe von 500–1000 mg Methylprednisolon an 3 aufeinanderfolgenden Tagen. Indikationen: schwere Lupusnephritis, MS-Schub, akute Transplantatabstoßung, schwere Vaskulitiden.
Kann man GK nach einem 5-tägigen Kurs abrupt absetzen?
Ja. Kurze Kurse (bis zu 2 Wochen) supprimieren die HPA-Achse nicht nennenswert — ein schrittweises Ausschleichen ist nicht erforderlich.
Warum verursachen GK eine Hyperglykämie?
Sie stimulieren die Glukoneogenese in der Leber, verringern die Glukoseaufnahme in periphere Gewebe und erhöhen die Insulinresistenz. Es entwickelt sich ein «Steroiddiabetes».
Siehe auch: Antiarrhythmika (Vaughan-Williams) · NSAR · Antibiotika · CYP450-Wechselwirkungen · Pharmakologie-Katalog · Klinische Scores