Inhalt · 10 Abschnitte
Kurz und bündig. Antikoagulanzien hemmen plasmatische Gerinnungsfaktoren — indiziert bei venösen Thrombosen, Vorhofflimmern, Klappenprothesen. Thrombozytenaggregationshemmer unterdrücken die Thrombozytenaggregation — indiziert bei Atherothrombose (MI, Apoplex, KHK). Die moderne Triade der Antikoagulanzien: Heparine, Warfarin, DOAK (Rivaroxaban, Apixaban, Dabigatran).
1. Hämostase: Die Grundlagen
Das Hämostasesystem unterteilt sich in die primäre (vaskulär-thrombozytäre) und sekundäre (plasmatische, koagulatorische) Hämostase. Primär: Bildung des Thrombozytenpfropfs; sekundär: Fibrinstabilisierung.
Die plasmatische Kaskade umfasst zwei Wege: den extrinsischen (Faktor VII, gemessen über PZ/INR) und den intrinsischen Weg (Faktoren XII, XI, IX, VIII, gemessen über aPTT), die in Faktor X konvergieren (gemeinsamer Weg) → Thrombin → Fibrin.
2. Klassifikation der Antikoagulanzien
Direkte
- Heparine: unfraktioniert (UFH), niedermolekular (NMH — Enoxaparin, Nadroparin, Dalteparin).
- Direkte Thrombininhibitoren: Dabigatran (oral), Bivalirudin, Argatroban (parenteral).
- Direkte Xa-Inhibitoren: Rivaroxaban, Apixaban, Edoxaban (oral); Fondaparinux (parenteral).
Indirekte (Vitamin-K-Antagonisten)
- Warfarin, Acenocoumarol.
3. Heparine
Unfraktioniertes Heparin
- Wكماeusmechanismus: Bindung an Antithrombin III → Beschleunigung der Inaktivierung von Thrombin (IIa) und Faktor Xa (1:1).
- Applikationsweg: i.v.-Infusion, s.c.
- Monitoring: aPTT (Zielwert 1,5–2,5 × Kontrolle), bei ECMO-Patienten — Anti-Xa.
- Indikationen: Akutes Koronarsyndrom, massives Lungenembolie, Notfallchirurgie, Schwangerschaft.
- Nebenwirkungen: Blutungen, HIT (heparininduzierte Thrombozytopenie), Osteoporose bei Langzeiteinnahme.
- Antidot: Protaminsulfat 1 mg neutralisiert 100 IE Heparin.
Niedermolekulare Heparine
- Überwiegende Hemmung von Faktor Xa (Anti-Xa/Anti-IIa-Verhältnis 3–4:1).
- Subkutane Applikation, erfordert bei den meisten Patienten kein Labormonitoring.
- Minimales Risiko für HIT und Osteoporose.
- Kontraindiziert bei chronischer Niereninsuffizienz mit GFR < 30 (Akkumulation).
- Monitoring in Schwangerschaft, bei Adipositas, chronischer Niereninsuffizienz — Anti-Xa-Aktivität.
4. Warfarin
- Wirkungsmechanismus: Blockade der Vitamin-K-Epoxid-Reduktase → Störung der γ-Carboxylierung der Faktoren II, VII, IX, X sowie der Proteine C und S.
- Einnahme — oral, Wirkungseintritt nach 48–72 h (erfordert Abfall von Faktor II mit langer Halbwertszeit), Peak — 3–5 Tage.
- Monitoring — INR (Zielwerte siehe Tabelle unten).
- Metabolismus über CYP2C9 und VKORC1 — zahlreiche Arzneimittel- und Nahrungsmittelwechselwirkungen (Vitamin-K-reiche Lebensmittel: grünes Blattgemüse, Leber).
- Indikationen: Nichtvalvuläres Vorhofflimmern, Klappenprothesen (insbesondere mechanische), Antiphospholipid-Syndrom, rezidivierende VTE bei Versagen von DOAK.
- Antidot: Vitamin K₁, bei massiven Blutungen — 4-Faktor-PCC (Prothrombinkonzentrat, KCentra).
| Indikation | Ziel-INR |
|---|---|
| Vorhofflimmern, VTE, Bioprothese | 2,0–3,0 |
| Mechanische Aortenklappenprothese | 2,5–3,5 |
| Mechanische Mitralklappenprothese | 2,5–3,5 (bei bikuspiden Klappen — 2,0–3,0) |
| APS mit Rezidiven | 3,0–4,0 |
5. DOAK (direkte orale Antikoagulanzien)
| Wirkstoff | Zielstruktur | Elimination | Antidot |
|---|---|---|---|
| Dabigatran | Thrombin (IIa) | 80 % renal | Idarucizumab |
| Rivaroxaban | Xa | 35 % renal, 65 % hepatisch | Andexanet alfa |
| Apixaban | Xa | 25 % Niere | Andexanet alfa |
| Edoxaban | Xa | 50 % Niere | Andexanet alfa |
Vorteile gegenüber Warfarin: kein Labormonitoring, feste Dosis, weniger Wechselwirkungen, geringeres Risiko intrakranieller Blutungen. Einschränkungen: CNI (insbesondere Dabigatran — GFR > 30 obligat), mechanische Klappen (kontraindiziert), Antiphospholipid-Syndrom mit Dreifach-Positivität.
6. Thrombozytenaggregationshemmer
Aspirin (ASS)
- Irreversible Hemmung von COX-1 in Thrombozyten → ↓ Thromboxan-A₂-Synthese.
- Die Wirkung hält für die gesamte Lebensdauer des Thrombozyten an (7–10 Tage).
- Dosierung: niedrig (75–100 mg/Tag) — thrombozytenaggregationshemmend; hoch — entzündungshemmend.
P2Y₁₂-Rezeptor-Antagonisten
| Wirkstoff | Reversibilität | Weg | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Clopidogrel | Irreversibel | Prodrug, wird durch CYP2C19 aktiviert | Polymorphismus → „Non-Responder“-Patienten |
| Ticagrelor | Reversibel | Wirkstoff | Potenter, Dyspnoe möglich |
| Prasugrel | Irreversibel | Prodrug | Kontraindiziert bei > 75 Jahren, Schlaganfall in der Anamnese |
GPIIb/IIIa-Rezeptor-Antagonisten
Abciximab, Eptifibatid, Tirofiban — i.v., Anwendung bei Hochrisiko-PCI, Stentthrombose. Wirksam, aber erhöhtes Blutungsrisiko.
7. Duale Plättchenhemmung (DAPT)
- Nach ACS — ASS + Ticagrelor/Prasugrel/Clopidogrel für 12 Monate.
- Nach elektiver PCI — ASS + Clopidogrel für 6 Monate (Verkürzung bei hohem Blutungsrisiko möglich).
- Bei hohem ischämischem Risiko — Verlängerung der DAPT über 12 Monate hinaus.
8. Komplikationen und Management von Blutungen
- Einschätzung der Blutungsschwere (BARC-, TIMI-, GUSTO-Scores).
- Absetzen der antithrombotischen Therapie bei lebensbedrohlichen Blutungen.
- Anwendung spezifischer Antidote (siehe Tabellen oben).
- Transfusionsunterstützung (FFP, Faktor-Konzentrate), Antifibrinolytika (Tranexamsäure) bei chirurgischen Blutungen.
- HIT — vollständiges Absetzen von Heparin, Umstellung auf direkte Thrombininhibitoren (Argatroban, Fondaparinux).
9. Perioperatives Management
- Niedrigdosierte ASS — wird bei den meisten Eingriffen in der Regel nicht abgesetzt.
- Clopidogrel — Absetzen 5 Tage vor großen Operationen, bei Stent — individuell.
- Warfarin — Absetzen 5 Tage vorher, INR-Kontrolle < 1,5, „Briding“ mit NMH bei hohem thrombotischen Risiko (mechanische Klappen, kürzliche VTE).
- DOAK — Absetzen 24–48 h bei niedrigem Blutungsrisiko, 48–72 h bei hohem Risiko (u. a. abhängig von der GFR).
10. FAQ
Wann DOAK und wann Warfarin wählen?
DOAK sind die Standardtherapie der ersten Wahl bei nichtvalvulärem Vorhofflimmern und VTE. Warfarin bei mechanischen Klappen, Antiphospholipid-Syndrom mit Dreifach-Positivität, terminaler CNI, bei denen DOAK kontraindiziert sind.
Was ist eine HIT und wann muss der Verdacht darauf geäußert werden?
Heparin-induzierte Thrombozytopenie — immunvermittelt, Thrombozytenabfall am 4.–10. Tag um > 50 % des Ausgangswerts, paradoxer Anstieg des thrombotischen Risikos. Berechnung anhand des 4T-Scores.
Was tun bei massiven Blutungen unter Warfarin?
Absetzen von Warfarin, Vitamin K 5–10 mg i.v., 4-Faktor-Protrombinkomplex-Konzentrat (PCC) (IE/kg). FFP, falls keine Konzentrate verfügbar sind.
Dürfen Antikoagulanzien und Thrombozytenaggregationshemmer kombiniert werden?
Vorübergehend ja (VHF + ACS erfordern eine Triple-Therapie, danach Dual-Therapie). Individuelle Entscheidung unter Risikobewertung mittels HAS-BLED- und CHA₂DS₂-VASc-Scores.
Wofür wird der CHA₂DS₂-VASc-Score benötigt?
Abschätzung des Schlaganfallsrisikos bei Vorhofflimmern. ≥ 2 Punkte bei Männern oder ≥ 3 bei Frauen sind eine Indikation für eine dauerhafte Antikoagulation. Es gibt einen Online-Rechner.
Siehe auch: Lungenembolie · Myokardinfarkt · Schlaganfall · Antihypertensiva · CHA₂DS₂-VASc · HAS-BLED · Pharmakologie-Katalog