Anamnesis morbi
Dieser Abschnitt widmet sich der Chronologie und Dynamik der aktuellen Pathologie. Die Erhebung der Anamnesis morbi erfordert vom Arzt eine detaillierte Untersuchung der folgenden Aspekte:
- Beginn und Verlauf: Genuiner Zeitpunkt des Beginns (ab welchem Moment sich die Person als krank ansieht), erste Symptome, Häufigkeit und Dauer von Rezidiven, Veränderung der Symptomatik im Laufe der Zeit.
- Einschätzung des Patienten: Mögliche Ursachen für eine Verschlechterung (Auslöser), z. B. Unterkühlung, Diätfehler, Infektionen oder Sonneneinstrahlung.
- Vorausgegangene Interventionen: Analyse alter Arztbriefe, Untersuchungsergebnisse sowie der Wirksamkeit und Verträglichkeit zuvor eingenommener Medikamente.
- Sozialer Faktor: Vorhandensein eines Grades der Behinderung und Zeitpunkt der Feststellung.
Hinweis: Bleibt die Diagnose unklar, muss zu diesem Abschnitt zurückgekehrt werden, um übersehene Details aufzudecken.
Anamnesis vitae
Der Abschnitt umfasst biografische Daten, den sozialen und häuslichen Status, die Bildung und den Lebensstil. Das Hauptziel ist die Beurteilung des Hintergrunds, vor dem sich die Erkrankung entwickelt hat. Frühere Erkrankungen sind von enormer Bedeutung: Es ist wichtig, sie nicht nur aufzuzählen, sondern auch die Besonderheiten ihres Verlaufs zu verstehen, da sie einen pathogenetischen Zusammenhang mit der aktuellen Erkrankung haben können (wenn die alte Pathologie der Grund für den Arztbesuch war, wird sie in die Anamnesis morbi überführt).
In die Krankheitsgeschichte werden zwingend chirurgische Eingriffe, Aufenthalte in ungewohnten Klimazonen (Risiko von Parasiteninfektionen) und die Antworten auf fünf streng obligatorische Fragen aufgenommen:
- Allergien (mit Schwerpunkt auf Medikamente).
- Tuberkulose (ob eine Diagnose gestellt wurde).
- Hepatitis (selbst wenn der Patient eine Hepatitis verneint, muss nach Episoden von „Gelbsucht“ gefragt und der parenterale Drogenkonsum ausgeschlossen werden).
- Bluttransfusion (Bluttransfusionen bergen das Risiko einer Infektion mit Hepatitis B und C).
- Geschlechtskrankheiten (die Befragung erfordert besondere Feinfühligkeit).
Familien- und Berufsanamnese
Die Genetik bildet eine Prädisposition für Krankheiten, die sich unter dem Einfluss externer Faktoren manifestiert. Bei der Erhebung der Familienanamnese werden der Gesundheitszustand von Verwandten und die Todesursachen ermittelt. Ein besonders alarmierendes Signal ist der Tod von Eltern in jungen Jahren an kardiovaskulären Ereignissen (KHK, Schlaganfall). Zudem wird abgeklärt, ob in der Verwandtschaft Diabetes mellitus, Krebserkrankungen, Tuberkulose, Depressionen oder X-chromosomal vererbte Krankheiten (z. B. Hämophilie) vorliegen.
Die Beurteilung der Berufsanamnese stützt sich auf drei Aspekte:
- Epidemiologisch: Gibt es ähnliche Symptome bei Kollegen?
- Spezifisch: Kontakt mit Staub (Asbest, Siliziumdioxid), Schwermetallen, Lösungsmitteldämpfen, Vibrationen.
- Präventiv: Verwendung von Schutzausrüstung und Absolvierung von Vorsorgeuntersuchungen.
Suchtmittel und Alkoholscreening
Angaben zu psychoaktiven Substanzen haben unterschiedliche Zuverlässigkeitsgrade. Angaben zur Raucheranamnese machen Patienten recht präzise, Alkoholmengen spielen sie herunter und den Konsum von Drogen verschweigen sie vollständig (Dissimulation).
Zur Aufdeckung einer verdeckten Alkoholabhängigkeit wird neben objektiven Zeichen von Zielorganschäden der CAGE-Fragebogen eingesetzt. Er besteht aus vier Fragen:
- C (Cut down): Gab es den Wunsch, den Konsum einzuschränken?
- A (Annoyed): Fühlen Sie sich durch die Kritik anderer an Ihrem Trinkverhalten genervt?
- G (Guilty): Haben Sie Schuldgefühle wegen des Alkoholkonsums?
- E (Eye-opener): Haben Sie das Verlangen, morgens Alkohol zu trinken (um in die Gänge zu kommen)?
Eine positive Antwort auf 3 oder 4 Fragen bestätigt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Alkoholabhängigkeit.
Sexualfunktion und sozialer Status
Die Befragung von Frauen umfasst die Analyse des Menstruationszyklus, der geburtshilflichen Anamnese und der Verhütungsmethoden (insbesondere orale Kontrazeptiva, die vaskuläre Risiken bergen). Der Begriff „Klimakterium“ gilt als veraltet, stattdessen wird der Begriff perimenopausale Periode verwendet. Die Klärung ihrer Symptome hilft, die klimakterische Kardialgie von einer echten Angina pectoris zu unterscheiden. Bei Männern werden behutsam sexuelle Funktionsstörungen erfragt, die starken Stress verursachen können.
Die Sozial- und Wohnanamnese bewertet:
- Wohnverhältnisse: Feuchtigkeit und Kälte begünstigen Lungenerkrankungen (COPD, Asthma).
- Ernährung: Bei alleinstehenden älteren Menschen tritt aufgrund von Sparsamkeit oder Gebrechlichkeit häufig ein Ernährungsdefizit auf.
- Finanzen: Sie bestimmen die Compliance (Therapietreue) — ob sich der Patient die verordneten Medikamente dauerhaft leisten kann.
- Körperliche Aktivität: Sie wird zur Beurteilung der Belastungstoleranz benötigt.
Kurz gefasst: Antworten auf Fragen zum Thema
Worin unterscheiden sich Haupt- und Nebensymptome bzw. -beschwerden?
Haupt- und Nebensymptome unterscheiden sich in ihrer subjektiven Bedeutung für den Patienten und der Art und Weise ihrer Ermittlung.
| Kriterium | Hauptbeschwerden | Nebenbeschwerden |
|---|---|---|
| Subjektive Bedeutung | Habens die größte subjektive Bedeutung für den Patienten und belasten ihn am stärksten. | Dies sind Symptome, die der Patient möglicherweise vergessen hat oder an die er sich gewöhnt hat. |
| Erhebungsmethode | Werden bei der Analyse der Patientenbeschwerden als die bedeutsamsten herausgearbeitet. | Werden vom Arzt durch gezieltes Nachfragen ermittelt. |
| Diagnostischer Wert | In typischen Fällen ist eine detaillierte Analyse der Hauptbeschwerden für die Diagnose von entscheidender Bedeutung. | Die aktive Befragung hilft, zusätzliche Symptome aufzudecken, einschließlich allgemeiner unspezifischer Manifestationen: Schwäche, Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Reizbarkeit, Veränderungen von Appetit, Durst und Körpergewicht. |
Die Logik des CAGE-Fragebogens: C (Cut down) — Wunsch, die Dosis zu reduzieren; A (Annoyed) — Verärgerung über Kritik; G (Guilty) — Schuldgefühl; E (Eye-opener) — Wunsch, morgens zu trinken.
Fragen aus Vorlesungen und Prüfungen
Warum ist es wichtig, nach Gelbsucht zu fragen, wenn der Patient eine Hepatitis bereits verneint?
Patienten assoziieren den medizinischen Begriff „Hepatitis“ häufig nicht mit einer in der Kindheit durchgemachten „Botkin-Krankheit“ oder Episoden einer Gelbfärbung der Haut anderer Ätiologie, weshalb die Frage in einer verständlichen Alltagssprache gestellt werden muss.
Wie beeinflusst die finanzielle Situation des Patienten die Behandlung?
Sie bestimmt direkt die Compliance. Der Arzt muss die Kosten der Medikamente berücksichtigen, damit der Patient sie sich dauerhaft leisten kann und sie nicht nur sporadisch einnimmt.
Warum muss in der Reiseanamnese (geografischen Anamnese) ein Aufenthalt in anderen Klimazone erfragt werden?
Dies ist zur Bewertung der epidemiologischen Risiken erforderlich, in erster Linie zum Ausschluss parasitärer Infektionen nach Reisen in tropische Regionen.
Was es zum Thema noch zu wiederholen gibt
- Besonderheiten bei der Befragung von Patienten mit Hyper- und Hyporeaktion auf die Erkrankung
- Differenzialdiagnostik der klimakterischen Kardialgie und der echten Angina pectoris
- Identifizierung physikalischer Zeichen (Stigmen) des Alkoholmissbrauchs
- Regeln für die Dokumentation von Antworten auf obligatorische Screening-Fragen zu Infektionskrankheiten
- Taktik der Gesprächsführung bei Verdacht auf Verheimlichung einer Drogensucht (Dissimulation)
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Weitere Themen des Kapitels „Untersuchungsmethoden des Patienten“
Das Material wurde von Dozenten von WhiteCoat Pro nach dem Lehrplan medizinischer Hochschulen erstellt. Es hat Bildungscharakter.