Inhalt · 12 Abschnitte
Auf den Punkt gebracht. Fraktur — Unterbrechung der Knochenkontinuität. Klassifikation nach Mechanismus (direkt/indirekt), Bruchlinienverlauf (quer, schräg, spiralförmig, trümmerförmig), Verschiebung, Lokalisation (Diaphyse, Metaphyse, Epiphyse, intraartikulär), nach AO/OTA (Segment — Typ A/B/C). Offene Frakturen — nach Gustilo-Anderson I–IIIC. Prinzipien: frühe Reposition, stabile Fixation, Erhaltung der Blutversorgung, funktionelle Behandlung (4 AO-Prinzipien). Konsolidierung: 4–6 Wo. (Kinder) — 8–16 Wo. (Erwachsene). Komplikationen: Kompartmentsyndrom, Fettembolie, Pseudarthrose, avaskuläre Nekrose, Lungenembolie.
1. Klassifikation
Nach Ätiologie
- Traumatisch (direkter/indirekter Mechanismus).
- Pathologisch (Tumor, Metastasen, Osteoporose, multiples Myelom).
- Stressfrakturen/Müdigkeitsbrüche (wiederholte Mikrotraumen).
Nach Integrität der Haut
- Geschlossen.
- Offen (Gustilo-Anderson):
- — Typ I: Wunde < 1 cm, sauber, minimale Weichteilverletzung.
- — Typ II: Wunde 1–10 cm, mäßige Verletzung.
- — IIIA: erhebliche Verletzung, aber Knochen von Gewebe bedeckt.
- — IIIB: ausgedehnte Verletzung mit freiliegendem Knochen, Lappenplastik erforderlich.
- — IIIC: + Verletzung einer Hauptarterie.
Nach Bruchlinienverlauf
- Querfraktur — direkte Krafteinwirkung.
- Schrägfraktur — Schrägkraft.
- Spiralfrasktur — Rotationsmechanismus.
- Trümmerfraktur (Mehrfragmentfraktur) — Hochenergietrauma.
- Gestauchte Fraktur — axiale Belastung (Schenkelhals, Kalkaneus).
- Kompressionsfraktur — Wirbelkörper bei Sturz.
- Ausrißfraktur — Zugbelastung durch Sehnen/Bänder.
- «Grünholzfraktur» und Wulstbruch — bei Kindern (subperiostal).
Nach Verschiebung
- Ohne Verschiebung.
- Mit Verschiebung: Längen-, Breitenverschiebung, Achsenknick, Rotation.
Nach Lokalisation
- Diaphysär, metaphysär, epiphysär, intraartikulär.
- Bei Kindern — Epiphysenlösungen nach Salter-Harris I–V.
2. AO/OTA-Klassifikation
- Numerischer Segmentcode (z. B. Femur — 3, proximales Segment — 3.1, Diaphyse — 3.2, distales Segment — 3.3).
- Typ: A — einfach, B — keilförmig, C — komplex/mehrfragmentär.
- Gruppen und Untergruppen nach Schweregrad.
- Wird für Prognose und Therapiewahl verwendet.
3. Klinik
- Sichere Frakturzeichen: Krepitation, pathologische Beweglichkeit, sichtbare Deformität, Extremitätenverkürzung.
- Unsichere Zeichen: Schmerz, Schwellung, Hämatom, Funktionsverlust.
- Stets Beurteilung der Neurovaskulären Achse distal der Fraktur (Puls, Kapillarfüllung, Sensibilität, Motorik).
4. Diagnostik
- Röntgen in 2 Ebenen inklusive Darstellung der angrenzenden Gelenke.
- CT — intraartikuläre Frakturen, Becken, Wirbelsäule, Kalkaneus.
- MRT — Stressfrakturen, okkulte Frakturen (Schenkelhals), Band- und Kapselverletzungen.
- Sonographie — bei Kindern, unkomplizierten Unterarmfrakturen.
- Szinitigraphie — Stressfrakturen, multiple Metastasen.
- Angiographie/CT-Angiographie — bei Verdacht auf Gefäßverletzungen.
5. AO-Prinzipien
- Anatomische Reposition — insbesondere bei intraartikulären Frakturen.
- Stabile Fixation.
- Erhaltung der Blutversorgung von Knochenfragmenten und Weichteilen.
- Frühzeitige aktive Mobilisation von Muskeln und Gelenken.
6. Behandlungsmethoden
Konservativ
- Reposition (einmalig oder durch Traktion).
- Immobilisation: Gips- oder Kunststoffverband, Bracen, Orthesen.
- Skeletttraktion (Femur, Unterschenkel bei Erwachsenen als temporäre Maßnahme).
- Funktionelle Behandlung (Rippenfrakturen, Wirbelkörperkompressionsfrakturen).
Operativ
- Innere Fixation (ORIF): Platten, Schrauben, verriegelter Marknagel.
- Transkutane Osteosynthese: Ilizarov-Fixateur, Fixateur externe (indiziert bei offenen, infizierten, Trümmerfrakturen).
- Endoprothetik bei Schenkelhalsfrakturen im Alter.
- MIPO (minimal invasive plate osteosynthesis) — schonende Technik.
- Damage Control Orthopaedics — temporäre externe Fixation bei Polytrauma, gefolgt von der definitiven Osteosynthese.
7. Indikationen zur Operation
- Offene Frakturen.
- Repositionshinderliche oder instabile Frakturen.
- Gelenkfrakturen mit Dislokation.
- Pathologische Frakturen.
- Verletzung von Gefäß- und Nervenstrukturen.
- Schenkelhalsfrakturen bei älteren Menschen.
- Polytrauma.
- Notwendigkeit der frühen Mobilisation (ältere Menschen, Leistungssportler).
8. Behandlung offener Frakturen
- Antibiotikaprophylaxe innerhalb der ersten 3 h: Cefazolin 2 g × 3 (Typ I–II), + Gentamicin oder Ciprofloxacin bei Typ III, + Clindamycin/Metronidazol bei Erdverunreinigung (C. perfringens).
- Tetanus-Toxoid.
- Notfall-Chirurgische Wildversorgung (Debridement) innerhalb von 6 h (klassische Regel); moderne Daten erlauben 12–24 h ohne erhöhtes Infektionsrisiko bei korrekter Antibiotikagabe.
- Primäre Fixation — Fixateur externe oder Nagel (je nach Situation).
- Frühzeitiger Weichteilverschluss innerhalb von 7 Tagen — senkt das Risiko einer Tiefeninfektion.
9. Komplikationen
Frühkomplikationen
- Traumatischer/hämorrhagischer Schock.
- Fettembolie (24–72 h nach Röhrenknochenfraktur): Hypoxämie, petechiales Exanthem, Bewusstseinsstörung.
- Lungenembolie, tiefe Venenthrombose.
- Kompartmentsyndrom: 5 P — Pain (disproportional), Pallor, Paresthesias, Pulselessness (spät), Paralysis; ΔP < 30 mmHg → Fasziotomie.
- Gefäß-/Nervenverletzungen.
- Infektion.
Spätkomplikationen
- Verzögerte Knochenbruchheilung (verzögerte Konsolidierung), Pseudarthrose, Ausbleiben der Heilung.
- Fehlvereinigung (Malunion).
- Avaskuläre Nekrose (Schenkelhals, Os scaphoideum, Talus).
- Posttraumatische Arthrose.
- Volkmann-Kontraktur.
- Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS, Morbus Sudeck).
- Chronische Osteomyelitis.
- Myositis ossificans.
10. Konsolidierungszeiten
| Lokalisation | Erwachsene (Wo) | Kinder (Wo) |
|---|---|---|
| Fingerphalangen | 3–4 | 2–3 |
| Unterarm | 6–10 | 4–6 |
| Humerus (Schaft) | 8–12 | 4–6 |
| Femur (Schaft) | 12–16 | 6–8 |
| Schenkelhals | 12–24 (Risiko der Pseudarthrose) | — |
| Unterschenkel (Tibia) | 12–16 | 6–10 |
| Klavikula | 4–6 | 3–4 |
| Rippen | 3–4 | 2–3 |
| Becken | 8–12 | — |
11. Besonderheiten bei älteren Menschen
- Schenkelhalsfrakturen — Endoprothetik innerhalb der ersten 48 h zur Senkung der Mortalität.
- Perioperatives Osteoporoseskripting (DEXA).
- Frühzeitige Mobilisation, Thromboseprophylaxe (NMH 28–35 Tage).
- Behandlung von Osteoporose (Bisphosphonate, Denosumab) nach einer Fraktur.
12. FAQ
Was besagt die „6-Stunden-Regel“ bei einer offenen Fraktur?
Traditionell: chirurgische Wulstreinigung in den ersten 6 Std. zur Infektionssenkung. Neuere Studien zeigen, dass bei rechtzeitiger Antibiotikatherapie das „Zeitfenster“ auf 12–24 Std. ohne Anstieg der Komplikationen erweitert ist.
Worin unterscheidet sich die Pseudarthrose von der verzögerten Knochenbruchheilung?
Verzögerte Heilung: Konsolidierung findet statt, verläuft aber langsamer als normal (1,5- bis 2-fache Verlängerung der Zeitdauer). Pseudarthrose: nach 6–9 Monaten ohne Anzeichen einer Konsolidierung; Operation, Knochenplastik und Stimulation sind erforderlich.
Warum werden Schenkelhalsfrakturen bei älteren Menschen sofort operiert?
Eine Verzögerung > 48 h erhöht die Letalität um 30 %. Eine frühe Endoprothetik ermöglicht die Mobilisation und senkt das Risiko für Lungenembolie, Pneumonie und Dekubitus.
Was versteht man unter dem „Kokosnuss- und Palmen-Prinzip“?
Basisfraktur des 5. Mittelfußknochens bei Inversionstrauma — eine Variante der Jones-Fraktur; schlechte Blutversorgung, hohes Risiko einer Non-Union; oft ist eine Schraubenfixierung erforderlich.
Wie lässt sich eine okkulte Schenkelhalsfraktur nachweisen?
MRT ist die Methode der Wahl bei unauffälligem Röntgenbefund und entsprechender Klinik (Belastungsunfähigkeit, Hüftschmerz). Alternative — Szintigraphie nach 48 h.
Siehe auch: Luxationen · Osteoporose · Polytrauma · Kompartmentsyndrom · Chirurgie-Katalog