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Frakturen sind eine vollständige oder partielle Unterbrechung der Knochenkontinuität und gehören zu den häufigsten Vorstellungsgründen in der Traumatologie. Korrekte Klassifikation, Diagnostik und Erste Hilfe bestimmen den Behandlungserfolg. Dieser Artikel bietet eine vollständige Übersicht für Medizinstudierende und Primärärzte.
Frakturklassifikation
| Kriterium | Arten | Beschreibung |
|---|---|---|
| Nach Hautintegrität | Geschlossen | Die Haut ist intakt |
| Offen | Wunde im Frakturbereich, Knochenkontakt zur Außenumgebung → Infektionsrisiko | |
| Nach Frakturlinie | Querfraktur | Linie verläuft senkrecht zur Knochenachse |
| Schrägfraktur | Verläuft im Winkel zur Achse | |
| Spiralfraktur | Linie windet sich um den Knochen (Rotations-trauma) | |
| Trümmerfraktur | Mehr als 2 Fragmente | |
| Nach Verschiebung | Unverschoben | Fragmente behalten ihre anatomische Position |
| Verschoben | In der Breite, in der Länge, im Winkel, rotationell | |
| Nach Vollständigkeit | Vollständig | Über die gesamte Knochendicke |
| Unvollständig (Fissur) | Nur ein Teil der Kortikalis | |
| Besondere Typen | Pathologisch | Durch einen Bereich pathologisch veränderten Knochens (Metastasen, Osteoporose) |
| Stressfraktur (Ermüdungsbruch) | Mikrotraumen durch wiederholte Belastung (Läufer, Militär) | |
| Grünholzfraktur | Bei Kindern – Knochen bricht unvollständig (Periost einseitig erhalten) |
Klinische Diagnostik
Absolute (sichere) Frakturzeichen
- Pathologische Beweglichkeit – Bewegung an einer Stelle, wo sie nicht sein sollte
- Krepitation – Knochenreiben (nicht gezielt prüfen!)
- Extremitätendeformität – Verkürzung, Achsenabweichung
- Sichtbare Knochenfragmente (bei offener Fraktur)
Relative (unsichere) Zeichen
- Schmerz bei axialer Stauchung
- Ödem, Hämatom
- Einschränkung der Extremitätenfunktion
- Zwangshaltung
Apparative Diagnostik
| Methode | Indikationen | Was wird nachgewiesen |
|---|---|---|
| Röntgenuntersuchung | Erste Wahl bei jedem Verdacht | Frakturlinie, Verschiebung, Impaktierung. Die Zwei-Ebenen-Regel! |
| CT | Komplexe Frakturen (Gelenkfrakturen, Wirbelsäule, Becken) | Genaue Fragmentanatomie, Operationsplanung |
| MRT | Stressfrakturen, Weichteilverletzungen | Knochenmarködem (frühes Zeichen), Bänder, Menisken |
Röntgenregel: immer 2 Ebenen unter Einbezug von 2 benachbarten Gelenken.
Erste Hilfe bei Frakturen
- Zustandsbeurteilung — ABC (Atemwege, Kreislauf). Lebensbedrohliche Zustände haben Priorität
- Blutstillung — bei offener Fraktur: steriler Verband. Bei arterieller Blutung — Tourniquet (unter zwingender Notierung der Uhrzeit!)
- Immobilisation — Schienung in der Position, in der sich die Extremität befindet. 2 benachbarte Gelenke einbeziehen. Fragmente nicht reponieren!
- Schmerztherapie — Analgetika (Ketorolac, bei starken Schmerzen Opiate)
- Kühlen — für 15–20 Minuten durch ein Tuch (reduziert das Ödem)
- Transport — auf einer Trage, in schonender Lagerung
Therapieprinzipien
| Methode | Indikationen | Beispiele |
|---|---|---|
| Konservativ | Geschlossene Frakturen ohne nennenswerte Verschiebung | Gipsverband, Cast-Verband, Orthese |
| Skelettextraktion | Femurfrakturen (vorübergehend), präoperative Vorbereitung | Kirschner-Draht durch die Tuberositas tibiae |
| Operativ (Osteosynthese) | Verschoben, Gelenk beteiligt, offen, instabil | Platten, Schrauben, Marknägel, Fixateur externe (Ilizarov-Apparat) |
Frakturkomplikationen
Frühkomplikationen
- Traumatischer Schock — bei Femurfraktur Blutverlust bis zu 1–1,5 l, Beckenfraktur — bis zu 3 l
- Fettembolie — 24–72 Stunden nach Fraktur langer Röhrenknochen (Dyspnoe, Petechien, Verwirrtheit). Pathognomonische Trias!
- Kompartmentsyndrom — zunehmendes Ödem in einer geschlossenen Faszienloge → Ischämie → Muskelnekrose. Schmerz, der in keinem Verhältnis zum Trauma steht, Schmerz bei passiver Dehnung → Notfall-Fasziotomie
- Gefäß- und Nervenverletzungen — Puls und Sensibilität distal der Fraktur überprüfen!
Spätkomplikationen
- Verzögerte Knochenbruchheilung (verzögerte Konsolidierung) — Heilung > 6 Monate
- Falschgelenk (Pseudarthrose) — Ausbleiben der Knochenheilung → Bildung eines Neogelenks
- Malunion (Fehlvereinigung) — mit Deformität, Verkürzung
- Volkmann-Kontraktur — ischämische Muskelkontraktur des Unterarms (Folge eines Kompartmentsyndroms)
- Posttraumatische Arthrose — bei intraartikulären Frakturen
Häufig gestellte Fragen
Wie unterscheidet man eine Fraktur von einer Luxation?
Fraktur: pathologische Beweglichkeit, Krepitation, Deformität in der Knochenachse. Luxation: „federnde Fixierung“ (bei passiven Bewegungsversuchen kehrt die Extremität in die Fehlstellung zurück), Deformität im Gelenkbereich, „leere“ Gelenkpfanne bei der Palpation. Die definitive Diagnose erfolgt mittels Röntgen.
Warum darf man Fragmente bei Frakturen vor Ort nicht reponieren?
Laienhafte Manipulationen können: benachbarte Gefäße und Nerven verletzen; eine geschlossene in eine offene Fraktur umwandeln; die Blutung verstärken; eine Fettembolie auslösen. Reposition nur in der Klinik, unter Anästhesie und radiologischer Kontrolle.
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