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Kurz und bündig. Anämie bei Erwachsenen — Hb < 130 g/l bei Männern und < 120 g/l bei Frauen. Klassifikation nach MCV: mikrozytär (MCV < 80) — IDA, Thalassämien, Anämie bei chronischen Erkrankungen; normozytär (80–100) — ACD, posthämorrhagisch, chronische Niereninsuffizienz, aplastisch; makrozytär (> 100) — B₁₂-/Folsäuremangel, MDS, Alkohol. Erster Schritt der Diagnostik — kleines Blutbild mit Retikulozyten, Ferritin, B₁₂, Folsäure. Eisenmangelanämie ist die häufigste Form (80 %).
1. Definition und Klassifikation
- Männer: Hb < 130 g/l.
- Frauen (nicht schwanger): Hb < 120 g/l.
- Schwangere: Hb < 110 g/l im I. und III. Trimester, < 105 im II. Trimester.
- Kinder: altersabhängige Normen.
Nach MCV
| Typ | MCV (fl) | Beispiele |
|---|---|---|
| Mikrozytär | < 80 | Eisenmangelanämie, Thalassämien, Anämie bei chronischen Erkrankungen, sideroblastische Anämie, Bleivergiftung |
| Normozytär | 80–100 | Akute posthämorrhagische Anämie, ACD, hämolytische Anämien, aplastische Anämie, Anämie bei CKD |
| Makrozytär | > 100 | B₁₂-/Folsäuremangel, MDS, Hypothyreose, Hämolyse, Alkohol, Medikamente (Methotrexat) |
Nach Mechanismus
- Gestörte Erythropoese: Mangelzustände (Fe, B₁₂, Folsäure), Suppression (ACD, CKD, aplastische Anämie).
- Erhöhter Verlust: Blutverlust, Hämolyse.
2. Eisenmangelanämie (IDA)
Ätiologie
- Chronischer Blutverlust: Menorrhagie (Nr. 1 bei Frauen), gastrointestinale Blutungen (Nr. 1 bei Männern und älteren Frauen) — Kolorektales Karzinom ausschließen!
- Unzureichende Zufuhr: Vegetarismus.
- Resorptionsstörungen: Zöliakie, H. pylori, Magenresektion, bariatrische Chirurgie.
- Erhöhter Bedarf: Schwangerschaft, Adoleszenz.
Klinik
- Anämisches Syndrom: Schwäche, Dyspnoe, Tachykardie, Blässe.
- Sideropenisches Syndrom: Brüchige Nägel (Koilonychie), Haarausfall, anguläre Stomatitis, Glossitis, Pica (Essstörung) und Geruchsperversion.
Diagnostik
- Mikrozytäre hypochrome Anämie: ↓ MCV, MCH, MCHC.
- Ferritin < 30 µg/l (< 100 bei Entzündung) — Hauptmarker des Eisenmangels.
- ↓ Serumsenkendes Eisen (Serum-Eisen), ↑ TIBC (gesamte Eisenbindungskapazität), ↓ Transferrinsättigung < 20 %.
- Quellensuche: Ösophagogastroduodenoskopie, Koloskopie bei Männern und postmenopausalen Frauen; gynäkologische Untersuchung bei Frauen im gebärfähigen Alter.
Therapie
- Oral verabreichte Präparate: 100–200 mg elementares Eisen pro Tag (Sulfat, Fumarat, Gluconat).
- Alternative — jeden zweiten Tag, 100 mg — verbessert die Resorption durch ↓ Hepcidin (Moretti 2015).
- Nüchtern mit Vitamin C einnehmen; Tee, Kalzium, PPI vermeiden.
- Kontrolle: Retikulozyten ↑ nach 5–7 Tagen; Hb ↑ um 10 g/l nach 2 Wochen.
- Fortführung für 3–6 Monate nach Normalisierung des Hb-Wertes zur Auffüllung der Eisenspeicher.
- Intravenöse Präparate (Carboxymaltose, Derisomaltose) — bei Unverträglichkeit, Malabsorption, Herzinsuffizienz, CKD, nach bariatrischer Chirurgie.
3. Vitamin-B₁₂-Mangelanämie
Ursachen
- Perniziöse Anämie (autoimmune atrophische Gastritis, Antikörper gegen Parietalzellen und Intrinsic Factor).
- Gastrektomie, atrophische Gastritis bei älteren Menschen.
- Resektion/Erkrankung des terminalen Ileums (M. Crohn).
- Metformin, PPI, H₂-Blocker — chronische Reduktion der Resorption.
- Vegetarismus/Veganismus ohne Supplemente.
- Parasiten (Diphyllobothrium latum).
Klinik
- Makrozytäre Anämie + Panzytopenie bei schwerem Mangel.
- Hunter-Glossitis (himbeerroter, „lackierter“ Zunge).
- Neurologische Symptome: funikuläre Myelose (Parästhesien, Ataxie, ↓ Tiefensensibilität, Gedächtnisminderung).
Diagnostik
- MCV > 100, Hypersegmentierung der Neutrophilen (> 5 Segmente).
- ↓ Serum-Vitamin-B₁₂; ↑ Methylmalonsäure und Homocystein — frühe Marker.
- Antikörper gegen Intrinsic Factor — bei perniziöser Anämie.
- Begleitenden Eisenmangel ausschließen (kann Makrozytose maskieren).
Therapie
- Cyanocobalamin 500–1000 µg i.m. jeden zweiten Tag für 2 Wochen, dann 1x/Woche für 1 Monat, danach 1x/Monat lebenslang (bei perniziöser Anämie).
- Bei alimentärer Ursache kann orales Vitamin B₁₂ 1000–2000 µg/Tag ausreichen.
- Neurologische Symptome — eine frühe Behandlung (innerhalb von 6 Monaten nach Beginn) bietet die Chance auf vollständige Genesung.
4. Folsäuremangelanämie
- Ursachen: alimentärer Mangel, Alkoholismus, Schwangerschaft, Hämolyse, Medikamente (Methotrexat, Phenytoin, Trimethoprim).
- Klinik: makrozytäre Anämie ohne neurologische Symptome (im Gegensatz zu B₁₂).
- Diagnostik: ↓ Serum- und Erythrozytenfolat, ↑ Homocystein, normale Methylmalonsäure.
- Therapie: Folsäure 1–5 mg/Tag für 1–4 Monate. Unbedingt B₁₂-Mangel ausschließen (verschlimmert sonst die Neurologie!).
5. Anämie bei chronischen Erkrankungen (ACD)
- Tritt auf bei Infektionen, CED, Malignomen, Herzinsuffizienz, Autoimmunerkrankungen, chronischer Niereninsuffizienz.
- Normo-/mikrozytär, hypoproliferativ.
- Hepcidin ↑ → Blockade der Eisenresorption und -freisetzung aus den Speichern.
- Diagnostik: Ferritin normal oder ↑, Transferrinsättigung ↓, CRP ↑.
- Behandlung der Grunderkrankung; bei CNI — erythropoese-stimulierende Agenzien (ESA) + Eisenpräparate.
6. Hämolytische Anämien
| Typ | Beispiele | Schlüssel |
|---|---|---|
| Hereditäre Membranopathien | Sphärozytose | Coombs-Test (–), Eosin-5-Maleimid |
| Hämoglobinopathien | Sichelzellanämie, Thalassämien | Hb-Elektrophorese |
| Enzymopathien | G6PD-Mangel | Hämolyse nach Ackerbohnen, Sulfonamiden |
| Autoimmunhämolyse | AIHA warm (IgG), kalt (IgM) | Coombs-Test (+) |
| Mikroangiopathische Hämolyse | TTP, HUS, HELLP, DIC | Schistozyten, Thrombozytopenie |
| Mechanisch | Künstliche Herzklappen | Schistozyten |
Allgemeine Merkmale: ↑ indirektes Bilirubin, ↓ Haptoglobin, ↑ LDH, Retikulozytose, Hämoglobinurie.
7. Aplastische Anämie
- Panzytopenie mit marklosem Knochenmark.
- Ursachen: Viren (Hepatitis, Parvovirus), Medikamente (Chloramphenicol, Carbamazepin), Strahlung, idiopathisch.
- Therapie: Immunsuppression (ATG + Ciclosporin) oder allogene Stammzelltransplantation bei Jüngeren.
8. Anämie bei CNI
- Verminderte Erythropoetin-Produktion in den Nieren.
- Therapie: Eisenpräparate (vorzugsweise i.v.) + ESA (Epoetin α/β, Darbepoetin).
- HIF-Inhibitoren (Roxadustat) — neue Gruppe von oralen Medikamenten.
- Ziel-Hb 100–115 g/l (Werte > 120 vermeiden wegen ↑ kardiovaskulärer Ereignisse).
9. Diagnostischer Algorithmus
- Großes Blutbild mit Erythrozytenindizes und Retikulozyten.
- Anhand des MCV die diagnostische Richtung festlegen.
- Eisenstoffwechsel (Ferritin, TIBC, Transferrinsättigung).
- B₁₂, Folate bei Makrozytose.
- LDH, Haptoglobin, indirektes Bilirubin — bei Verdacht auf Hämolyse; Coombs-Test.
- Bei unklarer Ätiologie — Sternumspunktion und Trepanbiopsie.
10. Besonderheiten in der Schwangerschaft
- Physiologische Hämodilution (ΔHb ~20 g/l).
- Prävention: Folsäure 400–800 µg/Tag ab der Präkonzeptionsphase bis zur 12. SSW; Eisen 30–60 mg elementares Eisen ab dem 2. Trimenon bei Risikofaktoren.
- Therapie der Eisenmangelanämie: per os Eisen, i.v. ab dem 2. Trimenon bei Unverträglichkeit/schwerem Mangel.
11. FAQ
Warum Eisen jeden zweiten Tag verabreichen?
Die tägliche Einnahme erhöht Hepcidin → verminderte Resorption der nächsten Dosis. Das „Jeden-zweiten-Tag“-Schema erhöht die kumulative Resorption und verringert gastrointestinale Nebenwirkungen.
Kann Eisen sofort i.v. gegeben werden?
Ja, bei Herzinsuffizienz, CNI, CED, Unverträglichkeit, nach bariatrischer Chirurgie, bei Schwangeren im 3. Trimenon, wenn die orale Therapie nicht schnell genug korrigieren kann.
Warum ist die Suche nach der Eisenmangelquelle bei Männern wichtig?
Bei Männern und postmenopausalen Frauen ist eine Eisenmangelanämie oft ein Marker für kolorektales Karzinom. ÖGD + Koloskopie sind obligatorisch.
Welche Gefahren birgt eine Folattherapie ohne B₁₂?
Korrektur hämatologischer Symptome bei gleichzeitig fortschreitendem neurologischem Schaden durch B₁₂-Mangel. Vor einer Folattherapie stets B₁₂ überprüfen.
Wann sollte an eine Thalassämie gedacht werden?
Mikrozytäre Anämie mit normalem/erhöhtem Ferritin, Familienanamnese (Mittelmeerraum, Kaukasus). Diagnose mittels Hb-Elektrophorese.
Siehe auch: Blut: Blutzellen · Hämostase · Antikoagulanzien · CED · Hämatologie-Katalog