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Anatomie

Dermatome in der Neurologie: Segmentkarte C2–S5 und Myotome

Redaktion von WhiteCoat Pro11. April 2026Aktualisiert am 24. September 20265 Min. Lesezeit
Inhalt · 12 Abschnitte
  1. 1. Definitionen und Prinzipien
  2. 2. Schlüsseldermatome
  3. 3. Schlüsselmyotome
  4. 4. ASIA-Skala
  5. 5. Zervikale Radikulopathien
  6. 6. Lumbale Radikulopathien
  7. 7. Herpes zoster (Gürtelrose)
  8. 8. Rückenmarkssyndrome
  9. 9. Topische Segmentdiagnostik
  10. 10. Differenzialdiagnostik der Radikulopathien
  11. 11. Apparative Diagnostik
  12. 12. FAQ

Auf den Punkt gebracht. Ein Dermatom ist ein Hautareal, das von einem Spinalnerven innerviert wird; ein Myotom ist eine Muskeltruppe eines Segments. Schlüsselorientierungen: C4 – Schultergürtel, C6 – Daumen, C7 – Mittelfinger, C8 – Kleinfinger, T4 – Brustwarzen, T10 – Nabel, L1 – Leistenfalte, L4 – medialer Malleolus, L5 – Großzehe, S1 – Kleinfinger/Ferse. Die ASIA-Skala ist der Standard zur Beurteilung des Ausmaßes einer Rückenmarksschädigung. Herpes zoster ist das klassische Beispiel für einen segmentalen Hautausschlag innerhalb eines Dermatoms.

1. Definitionen und Prinzipien

  • Dermatom – ein Hautareal, dessen Sensibilität durch einen einzelnen Spinalnerven (oder ein Spinalsegment) gewährleistet wird.
  • Myotom – eine Muskelgruppe, die von einem einzelnen Spinalsegment innerviert wird.
  • Sklerotom – ein Knochen-/Bandabschnitt, der von einem Segment innerviert wird.
  • Benachbarte Dermatome überlappen sich – der Ausfall einer einzelnen Wurzel führt häufig zu einer Hypästhesie und nicht zu einer vollständigen Anästhesie.
  • Dermatomenkarten (Keegan, Foerster) weisen gewisse Unterschiede auf – klinisch wird ein kombinierter Ansatz verwendet (ASIA 2019).

2. Schlüsseldermatome

SegmentRichtwert
C2Hinterkopf
C3Unterer Halsbereich
C4Schultergürtel (Schlüsselbein)
C5Laterale Oberarmfläche (M. deltoideus)
C6Daumen
C7Mittelfinger
C8Kleinfinger
T1Mediale Unterarmfläche
T4Brustwarzen
T6Processus xiphoideus
T10Nabel
T12Leistenfalte (oben)
L1Leistenfalte
L2Vorder- und Innenseite des Oberschenkels
L3Knieinnenseite
L4Medialer Malleolus, 1. Zehe
L5Fußrücken, Großzehe
S1Lateraler Malleolus, Kleinfinger, Ferse
S2–S4Dammregion, anogenitale Region

3. Schlüsselmyotome

SegmentBewegungReflex
C5Armabduktion (M. deltoideus, M. biceps brachii)Bicepssehnenreflex
C6Ellbogenbeugung, HandgelenkstreckungBrachioradialisreflex
C7Ellbogenstreckung (M. triceps brachii), HandgelenksbeugungTricepssehnenreflex
C8Fingerbeugung—
T1Fingerabduktion/-adduktion—
L2Hüftbeugung (M. iliopsoas)—
L3Kniestreckung (M. quadriceps femoris)Patellarsehnenreflex
L4Fußheber (M. tibialis anterior)Kniegelenk (L3-L4)
L5Großzehenheber (M. extensor hallucis longus)—
S1Fußsenkung (M. triceps surae)Achillessehnenreflex
S2–S4Willkürliche Kontraktion des AnalsphinktersAnalreflex, bulbokavernöser Reflex

4. ASIA-Skala

  • Internationaler Standard zur Beurteilung von Rückenmarksverletzungen (American Spinal Injury Association).
  • Sensibles Niveau — das kaudalste Segment mit normaler Schmerz- und Berührungsempfindlichkeit.
  • Motorisches Niveau — das kaudalste Segment mit einer Kraft von ≥ 3 Punkten (bei normaler Kraft weiter oben).
  • AIS-Klassifikation (A–E): A — komplett; B — Sensibilität in S4–S5 erhalten; C, D — Bewegungen erhalten; E — normal.
  • Obligatorischer Bestandteil — Untersuchung des Analsphinkters (willkürliche Kontraktion + perianale Sensibilität).

5. Zervikale Radikulopathien

  • C5 — Schmerz in der Schulter und an der lateralen Oberarmseite, Abduktionsschwäche; ↓ Bizepsreflex.
  • C6 — Schmerz im Daumen, Parästhesien, Schwäche bei Ellenbeugung und Handgelenksstreckung.
  • C7 — Schmerz im Mittelfinger, Trizepsschwäche, ↓ Trizepsreflex.
  • C8 — Schmerz im Kleinfinger, Schwäche der Fingerbeuger.
  • Spurling-Test — Provokation von Schmerzen bei Neigung und Rotation des Kopfes zur betroffenen Seite.

6. Lumbale Radikulopathien

  • L4 — Schmerz an der anteromedialen Unterschenkelvorderseite, Schwäche der Fußheber, ↓ Patellarsehnenreflex.
  • L5 — Schmerz an der lateralen Unterschenkel- und Fußrücken-Seite; Schwäche der Großzehenheber (positive dorsiflexion test).
  • S1 — Schmerz an der Oberschenkelrückseite, Wade, Ferse; Schwäche der Fußsohlenbeugung, ↓ Achillessehnenreflex.
  • Lasègue-Zeichen — Provokation von Radikulärschmerz beim passiven Anheben des geraden Beins um 30–60°.
  • Wassermann-Zeichen — Dehnung des Nervus femoralis (L3-L4), Anheben des geraden Beins in Bauchlage.

7. Gürtelrose (Herpes zoster)

  • Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus (VZV) in Spinal- oder Hirnnervenganglien.
  • Klassischer Ausschlag — Vesikel auf erythematösem Grund innerhalb eines Dermatoms, ohne Überschreitung der Mittellinie.
  • Am häufigsten — Th3–Th12 und N. trigeminus (V1 ophthalmicus).
  • Prodromalstadium: Juckreiz, Brennen, Hypästhesie 1–3 Tage vor dem Ausschlag.
  • Behandlung: Aciclovir 800 mg × 5/Tag oder Valaciclovir 1000 mg × 3/Tag × 7 Tage; Beginn < 72 h.
  • Post-Zoster-Neuralgie — häufige Komplikation (Gabapentin, Pregabalin, Amitriptylin).

8. Rückenmarkssyndrome

  • Komplette Querschnittlähmung — vollständiger Verlust unterhalb des Niveaus.
  • Brown-Séquard-Syndrom (Hemisektion) — ipsilaterale Lähmung und Verlust der Tiefensensibilität + kontralateraler Verlust der Schmerz- und Temperaturwahrnehmung.
  • Anteriores Spinalsyndrom — beidseitiger Verlust von Schmerz/Temperatur + Motorik, Tiefensensibilität erhalten (Hinterstränge).
  • Zentrales Zervikalsyndrom (central cord) — Arme schwächer als Beine (Schneider).
  • Hinterstrangs syndrom — Verlust der Tiefensensibilität und des stereognostischen Sinns.
  • Kaudasyndrom — asymmetrische Beinschwäche, Verlust der Sphinkterfunktionen, anogenitale Anästhesie („Reiterhosenanästhesie“).

9. Topische Niveaudiagnostik

  • C1–C4 Läsion — Tetraplegie, Atemstörung (oberhalb von C3 — dauerhafte Beatmung).
  • C5–T1 — Tetraplegie mit teilweise erhaltenem Zwerchfell; nützliche Armfunktionen bleiben je nach Niveau teilweise erhalten.
  • T2–T12 — Paraplegie, Niveau entsprechend dem Segment.
  • L1–S2 — untere schlaffe Paraplegie bei Schädigung von Konus oder Cauda equina.
  • S3–S5 — ausschließlich Mastdarm- und Blasenfunktionsstörungen.

10. Differenzialdiagnose der Radikulopathien

  • Bandscheibenvorfall — Hauptursache; MRT.
  • Spondylose, Spinalkanalstenose.
  • Onkologie: Metastasen, Multiples Myelom, Lymphom.
  • Infektionen: Epiduralabszess, Tuberkulose (Pott-Krankheit), Spondylitis.
  • Entzündlich: Spondylodiszitis, Spondylitis ankylosans.
  • Red Flags: nächtliche Schmerzen, Fieber, Gewichtsverlust, Krebsanamnese, Blasen-Mastdarm-Störungen, Reithosenanästhesie, progressives neurologisches Defizit.

11. Apparative Diagnostik

  • Kontrastmittel-MRT — Methode der Wahl (Hernien, Tumoren, Myelitis, epidurale Prozesse).
  • CT — bei Kontraindikationen gegen MRT, Traumata (Knochenstrukturen).
  • ENMG + Nadel-EMG — Bestätigung des radikulären Niveaus, Ausschluss von Plexopathie und Neuropathie.
  • Röntgen — zur Beurteilung von Skoliose, Spondylolisthesis; verliert zugunsten der MRT an Bedeutung.
  • Lumbalpunktion — bei Verdacht auf Myelitis, Meningiosis carcinomatosa, Infektion.

12. FAQ

Warum überlappen sich Dermatome?
Weil benachbarte Spinalnerven angrenzende Hautareale mit einer Überlappung von 25–50 % innervieren — ein evolutionärer Schutzmechanismus vor kompletter Anästhesie bei partieller Schädigung einer einzelnen Wurzel.

Wie kann man sich wichtige Niveaus schnell merken?
Eselsbrücken: T4 — Brustwarzen, T10 — Nabel („4 × 10 = 40 und das sind die Brustwarzen, 10 ist der Nabel“); „C4 — an der Schulter, C6 — Daumen, C7 — Mittelfinger, C8 — Kleinfinger“; „L4 — medialer Malleolus, L5 — Großzehe, S1 — Kleinfinger“.

Worin unterscheidet sich das radikuläre Syndrom von einer Polyneuropathie?
Radikulär — streng dermatombezogen, asymmetrisch, oft mit Schmerzen und Ausfall eines einzelnen Reflexes. Polyneuropathie — symmetrisch, „Handschuh- und sockenförmig“, diffus verminderte Reflexe.

Warum überschreitet die Gürtelrose nicht die Mittellinie?
Weil jedes Spinale Ganglion nur seine eigene Körperhälfte versorgt — das reaktivierte Virus in einem Ganglion verursacht den Ausschlag streng auf seiner Seite.

Was ist das Conus-medullaris-Syndrom und wie unterscheidet es sich vom Kaudasyndrom?
Conus (S3–S5) — symmetrische Blasen- und Mastdarmstörungen, geringe motorische Defizite. Cauda equina — asymmetrische schlaffe Paraplegie, Reithosenanästhesie, radikuläre Schmerzen, ausgeprägtere motorische Ausfälle. Cauda-Syndrom — chirurgischer Notfall zur Dekompression.

Siehe auch: Rückenmarksverletzung · Bandscheibenvorfälle · Gürtelrose · Kaudasyndrom · Neurologie-Katalog

Das Material hat Bildungscharakter und ersetzt keine ärztliche Beratung. Überprüfen Sie Behandlungs- und Dosierungsschemata anhand der geltenden klinischen Leitlinien.

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