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Auf den Punkt gebracht. Ein Dermatom ist ein Hautareal, das von einem Spinalnerven innerviert wird; ein Myotom ist eine Muskeltruppe eines Segments. Schlüsselorientierungen: C4 – Schultergürtel, C6 – Daumen, C7 – Mittelfinger, C8 – Kleinfinger, T4 – Brustwarzen, T10 – Nabel, L1 – Leistenfalte, L4 – medialer Malleolus, L5 – Großzehe, S1 – Kleinfinger/Ferse. Die ASIA-Skala ist der Standard zur Beurteilung des Ausmaßes einer Rückenmarksschädigung. Herpes zoster ist das klassische Beispiel für einen segmentalen Hautausschlag innerhalb eines Dermatoms.
1. Definitionen und Prinzipien
- Dermatom – ein Hautareal, dessen Sensibilität durch einen einzelnen Spinalnerven (oder ein Spinalsegment) gewährleistet wird.
- Myotom – eine Muskelgruppe, die von einem einzelnen Spinalsegment innerviert wird.
- Sklerotom – ein Knochen-/Bandabschnitt, der von einem Segment innerviert wird.
- Benachbarte Dermatome überlappen sich – der Ausfall einer einzelnen Wurzel führt häufig zu einer Hypästhesie und nicht zu einer vollständigen Anästhesie.
- Dermatomenkarten (Keegan, Foerster) weisen gewisse Unterschiede auf – klinisch wird ein kombinierter Ansatz verwendet (ASIA 2019).
2. Schlüsseldermatome
| Segment | Richtwert |
|---|---|
| C2 | Hinterkopf |
| C3 | Unterer Halsbereich |
| C4 | Schultergürtel (Schlüsselbein) |
| C5 | Laterale Oberarmfläche (M. deltoideus) |
| C6 | Daumen |
| C7 | Mittelfinger |
| C8 | Kleinfinger |
| T1 | Mediale Unterarmfläche |
| T4 | Brustwarzen |
| T6 | Processus xiphoideus |
| T10 | Nabel |
| T12 | Leistenfalte (oben) |
| L1 | Leistenfalte |
| L2 | Vorder- und Innenseite des Oberschenkels |
| L3 | Knieinnenseite |
| L4 | Medialer Malleolus, 1. Zehe |
| L5 | Fußrücken, Großzehe |
| S1 | Lateraler Malleolus, Kleinfinger, Ferse |
| S2–S4 | Dammregion, anogenitale Region |
3. Schlüsselmyotome
| Segment | Bewegung | Reflex |
|---|---|---|
| C5 | Armabduktion (M. deltoideus, M. biceps brachii) | Bicepssehnenreflex |
| C6 | Ellbogenbeugung, Handgelenkstreckung | Brachioradialisreflex |
| C7 | Ellbogenstreckung (M. triceps brachii), Handgelenksbeugung | Tricepssehnenreflex |
| C8 | Fingerbeugung | — |
| T1 | Fingerabduktion/-adduktion | — |
| L2 | Hüftbeugung (M. iliopsoas) | — |
| L3 | Kniestreckung (M. quadriceps femoris) | Patellarsehnenreflex |
| L4 | Fußheber (M. tibialis anterior) | Kniegelenk (L3-L4) |
| L5 | Großzehenheber (M. extensor hallucis longus) | — |
| S1 | Fußsenkung (M. triceps surae) | Achillessehnenreflex |
| S2–S4 | Willkürliche Kontraktion des Analsphinkters | Analreflex, bulbokavernöser Reflex |
4. ASIA-Skala
- Internationaler Standard zur Beurteilung von Rückenmarksverletzungen (American Spinal Injury Association).
- Sensibles Niveau — das kaudalste Segment mit normaler Schmerz- und Berührungsempfindlichkeit.
- Motorisches Niveau — das kaudalste Segment mit einer Kraft von ≥ 3 Punkten (bei normaler Kraft weiter oben).
- AIS-Klassifikation (A–E): A — komplett; B — Sensibilität in S4–S5 erhalten; C, D — Bewegungen erhalten; E — normal.
- Obligatorischer Bestandteil — Untersuchung des Analsphinkters (willkürliche Kontraktion + perianale Sensibilität).
5. Zervikale Radikulopathien
- C5 — Schmerz in der Schulter und an der lateralen Oberarmseite, Abduktionsschwäche; ↓ Bizepsreflex.
- C6 — Schmerz im Daumen, Parästhesien, Schwäche bei Ellenbeugung und Handgelenksstreckung.
- C7 — Schmerz im Mittelfinger, Trizepsschwäche, ↓ Trizepsreflex.
- C8 — Schmerz im Kleinfinger, Schwäche der Fingerbeuger.
- Spurling-Test — Provokation von Schmerzen bei Neigung und Rotation des Kopfes zur betroffenen Seite.
6. Lumbale Radikulopathien
- L4 — Schmerz an der anteromedialen Unterschenkelvorderseite, Schwäche der Fußheber, ↓ Patellarsehnenreflex.
- L5 — Schmerz an der lateralen Unterschenkel- und Fußrücken-Seite; Schwäche der Großzehenheber (positive dorsiflexion test).
- S1 — Schmerz an der Oberschenkelrückseite, Wade, Ferse; Schwäche der Fußsohlenbeugung, ↓ Achillessehnenreflex.
- Lasègue-Zeichen — Provokation von Radikulärschmerz beim passiven Anheben des geraden Beins um 30–60°.
- Wassermann-Zeichen — Dehnung des Nervus femoralis (L3-L4), Anheben des geraden Beins in Bauchlage.
7. Gürtelrose (Herpes zoster)
- Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus (VZV) in Spinal- oder Hirnnervenganglien.
- Klassischer Ausschlag — Vesikel auf erythematösem Grund innerhalb eines Dermatoms, ohne Überschreitung der Mittellinie.
- Am häufigsten — Th3–Th12 und N. trigeminus (V1 ophthalmicus).
- Prodromalstadium: Juckreiz, Brennen, Hypästhesie 1–3 Tage vor dem Ausschlag.
- Behandlung: Aciclovir 800 mg × 5/Tag oder Valaciclovir 1000 mg × 3/Tag × 7 Tage; Beginn < 72 h.
- Post-Zoster-Neuralgie — häufige Komplikation (Gabapentin, Pregabalin, Amitriptylin).
8. Rückenmarkssyndrome
- Komplette Querschnittlähmung — vollständiger Verlust unterhalb des Niveaus.
- Brown-Séquard-Syndrom (Hemisektion) — ipsilaterale Lähmung und Verlust der Tiefensensibilität + kontralateraler Verlust der Schmerz- und Temperaturwahrnehmung.
- Anteriores Spinalsyndrom — beidseitiger Verlust von Schmerz/Temperatur + Motorik, Tiefensensibilität erhalten (Hinterstränge).
- Zentrales Zervikalsyndrom (central cord) — Arme schwächer als Beine (Schneider).
- Hinterstrangs syndrom — Verlust der Tiefensensibilität und des stereognostischen Sinns.
- Kaudasyndrom — asymmetrische Beinschwäche, Verlust der Sphinkterfunktionen, anogenitale Anästhesie („Reiterhosenanästhesie“).
9. Topische Niveaudiagnostik
- C1–C4 Läsion — Tetraplegie, Atemstörung (oberhalb von C3 — dauerhafte Beatmung).
- C5–T1 — Tetraplegie mit teilweise erhaltenem Zwerchfell; nützliche Armfunktionen bleiben je nach Niveau teilweise erhalten.
- T2–T12 — Paraplegie, Niveau entsprechend dem Segment.
- L1–S2 — untere schlaffe Paraplegie bei Schädigung von Konus oder Cauda equina.
- S3–S5 — ausschließlich Mastdarm- und Blasenfunktionsstörungen.
10. Differenzialdiagnose der Radikulopathien
- Bandscheibenvorfall — Hauptursache; MRT.
- Spondylose, Spinalkanalstenose.
- Onkologie: Metastasen, Multiples Myelom, Lymphom.
- Infektionen: Epiduralabszess, Tuberkulose (Pott-Krankheit), Spondylitis.
- Entzündlich: Spondylodiszitis, Spondylitis ankylosans.
- Red Flags: nächtliche Schmerzen, Fieber, Gewichtsverlust, Krebsanamnese, Blasen-Mastdarm-Störungen, Reithosenanästhesie, progressives neurologisches Defizit.
11. Apparative Diagnostik
- Kontrastmittel-MRT — Methode der Wahl (Hernien, Tumoren, Myelitis, epidurale Prozesse).
- CT — bei Kontraindikationen gegen MRT, Traumata (Knochenstrukturen).
- ENMG + Nadel-EMG — Bestätigung des radikulären Niveaus, Ausschluss von Plexopathie und Neuropathie.
- Röntgen — zur Beurteilung von Skoliose, Spondylolisthesis; verliert zugunsten der MRT an Bedeutung.
- Lumbalpunktion — bei Verdacht auf Myelitis, Meningiosis carcinomatosa, Infektion.
12. FAQ
Warum überlappen sich Dermatome?
Weil benachbarte Spinalnerven angrenzende Hautareale mit einer Überlappung von 25–50 % innervieren — ein evolutionärer Schutzmechanismus vor kompletter Anästhesie bei partieller Schädigung einer einzelnen Wurzel.
Wie kann man sich wichtige Niveaus schnell merken?
Eselsbrücken: T4 — Brustwarzen, T10 — Nabel („4 × 10 = 40 und das sind die Brustwarzen, 10 ist der Nabel“); „C4 — an der Schulter, C6 — Daumen, C7 — Mittelfinger, C8 — Kleinfinger“; „L4 — medialer Malleolus, L5 — Großzehe, S1 — Kleinfinger“.
Worin unterscheidet sich das radikuläre Syndrom von einer Polyneuropathie?
Radikulär — streng dermatombezogen, asymmetrisch, oft mit Schmerzen und Ausfall eines einzelnen Reflexes. Polyneuropathie — symmetrisch, „Handschuh- und sockenförmig“, diffus verminderte Reflexe.
Warum überschreitet die Gürtelrose nicht die Mittellinie?
Weil jedes Spinale Ganglion nur seine eigene Körperhälfte versorgt — das reaktivierte Virus in einem Ganglion verursacht den Ausschlag streng auf seiner Seite.
Was ist das Conus-medullaris-Syndrom und wie unterscheidet es sich vom Kaudasyndrom?
Conus (S3–S5) — symmetrische Blasen- und Mastdarmstörungen, geringe motorische Defizite. Cauda equina — asymmetrische schlaffe Paraplegie, Reithosenanästhesie, radikuläre Schmerzen, ausgeprägtere motorische Ausfälle. Cauda-Syndrom — chirurgischer Notfall zur Dekompression.
Siehe auch: Rückenmarksverletzung · Bandscheibenvorfälle · Gürtelrose · Kaudasyndrom · Neurologie-Katalog