Inhalt · 12 Abschnitte
Auf den Punkt gebracht. Bronchialasthma (BA) ist diehäufigste chronische Erkrankung im Kindesalter (5–10 %). Diagnose — Trias: Giemen + reversible Obstruktion (↑ FEV₁ ≥ 12 % nach Salbutamol) + Atopie. GINA-2023-Therapie: Stufenkonzept mit ICS als Basis; SABA „nur bei Bedarf“ ohne ICS wird nicht mehr empfohlen. Schwerer Anfall — Sauerstoff + Salbutamol + Ipratropium + systemische GKS; bei Unwirksamkeit — MgSO₄ i.v. und Beatmung.
1. Definition und Epidemiologie
Bronchialasthma ist eine chronische entzündliche Erkrankung der Atemwege, die durch variable Obstruktion und bronchiale Hyperreagibilität gekennzeichnet ist. Bei Kindern ist die allergische (atopische) Form am weitesten verbreitet. Die Prävalenz in Russland beträgt laut ISAAC-Studie 6–10 %, weltweit bis zu 20 %. In 80 % der Fälle erfolgt die Erstmanifestation vor dem 6. Lebensjahr.
2. Phänotypen des kindlichen Asthmas
- Transitorisches Giemen (Wheezing) — Episoden bis zum 3. Lebensjahr, verbunden mit Virusinfektionen, klingt bis zum 6. Lebensjahr ab.
- Nicht-progressives, nicht-atopisches Asthma — Schulalter, Auslöser ist ein Virus, keine Allergien.
- Allergisches (atopisches) Asthma — Familienanamnese, frühe Manifestation, Eosinophilie, IgE-vermittelte Reaktionen.
- Schweres Asthma — T2-high (eosinophil, IL-4/IL-13/IL-5) oder T2-low (neutrophil, Adipositas).
3. Pathogenese
Eosinophile Entzündung → Ausschüttung von IL-4, IL-5, IL-13, Leukotrienen, Histamin → Hypersekretion von Schleim, Schleimhautödem, Bronchialmuskelspasmus → exspiratorische Verengung des Lumens, „Air Trapping“ (Überblähung). Bei Chronifizierung — Remodellierung der Bronchialwand mit Verdickung der Basalmembran und subepithelialer Fibrose.
4. Klinisches Bild
- Episoden von Giemen, Dyspnoe, Husten, Engegefühl in der Brust.
- Nächtliches und morgendliches Erwachen.
- Zusammenhang mit Auslösern: körperliche Anstrengung, kalte Luft, Infektionen, Allergene (Pollen, Tierhaare, Hausstaubmilben), Zigarettenrauch.
- Familiäre Atopie (Asthma, atopische Dermatitis, allergische Rhinitis — „atopischer Marsch“).
5. Diagnostik
Bei Kindern ≥ 5 Jahren — Spirometrie
- FEV₁/FVC < 0,85 — Obstruktion.
- Anstieg der FEV₁ ≥ 12 % nach Inhalation von 400 µg Salbutamol — Reversibilität.
- Variabilität der Peak-Expiratory-Flow-Rate (PEF) ≥ 13 % innerhalb einer Woche.
Bei Kindern < 5 Jahren
- Diagnose überwiegend klinisch: ≥ 3 Episoden von Giemen + Atopie/Familienanamnese + Ansprechen auf eine probatorische ICS-Therapie.
Zusätzlich
- FeNO (fraktioniertes exhaliertes Stickstoffmonoxid) > 35 ppb bei Kindern — stützt die Diagnose eines eosinophilen Asthmas.
- Gesamt- und spezifisches IgE, Haut-Prick-Test.
- Eosinophile im Blut und Sputum.
- Röntgen-Thorax — zum Ausschluss anderer Ursachen.
6. Kontrolleinschätzung
| Merkmal (in den letzten 4 Wochen) | Gut | Teilweise | Nicht kontrolliert |
|---|---|---|---|
| TagesSymptome > 2x/Woche | Nein | 1–2 Merkmale | 3–4 Merkmale |
| Nächtliches Erwachen | Nein | ||
| SABA-Bedarf > 2x/Woche | Nein | ||
| Einschränkung der Aktivität | Nein |
ACT-Score (Asthma Control Test): ≥ 20 — kontrolliert, 16–19 — teilweise kontrolliert, ≤ 15 — nicht kontrolliert. Für Kinder von 4–11 Jahren — Childhood ACT.
7. Stufentherapie GINA 2023 (6–11 Jahre)
| Stufe | Basistherapie | Bedarfsmedikation (Reliever) |
|---|---|---|
| 1 | Niedrige Dosis ICS bei jeder SABA-Inhalation | SABA (Salbutamol) |
| 2 | Niedrige Dosis ICS täglich ODER LTRA | SABA |
| 3 | Niedrige Dosis ICS + LABA ODER mittlere Dosis ICS | SABA oder ICS-Formoterol |
| 4 | Mittlere Dosis ICS + LABA (Überweisung an Spezialisten) | SABA oder ICS-Formoterol |
| 5 | Hohe Dosis ICS + LABA ± Tiotropium, Biologika | SABA |
Bei Jugendlichen ≥ 12 Jahren und Erwachsenen
Wichtigste Änderung der GINA seit 2019: SABA als Monotherapie wird wegen des Risikos tödlicher Exazerbationen nicht mehr empfohlen. Standard ist die MART-Therapie: niedrige Dosen Budesonid/Formoterol „sowohl als Basis als auch bei Bedarf“.
8. Medikamentenklassen
- ICS (Budesonid, Fluticason, Beclometason) — Basistherapie; Entzündungskontrolle.
- LABA (Formoterol, Salmeterol) — immer in Kombination mit ICS; keine Monotherapie!
- LTRA (Montelukast) — Alternative bei Kindern mit virusinduziertem Asthma und allergischer Rhinitis; im Jahr 2020 fügte die FDA eine Black-Box-Warnung bezüglich neuropsychiatrischer Nebenwirkungen hinzu.
- SABA (Salbutamol) — nur bei Bedarf, > 3-mal pro Woche = unkontrolliertes Asthma.
- Biologika bei schwerem Asthma bronchiale bei Jugendlichen: Omalizumab (Anti-IgE), Mepolizumab/Benralizumab (Anti-IL-5/IL-5R), Dupilumab (Anti-IL-4Rα).
- Tiotropium — ab 6 Jahren als Add-on bei unzureichender Kontrolle möglich.
9. Asthmaanfall beim Kind
Schweregradeinschätzung
| Merkmal | Leicht | Medius | Schwer | Lebensbedrohlich |
|---|---|---|---|---|
| Sprechen | In Sätzen | In Phrasen | In Wörtern | Keine Sprache möglich |
| Atemfrequenz | Normalgewicht | ↑ | ↑↑ | Bradypnoe |
| SpO₂ | > 95 | 90–95 | < 90 | < 90 |
| Bewusstsein | Normalgewicht | Unruhig | Erregt | Getrübt |
Akuttherapie-Algorithmus
- Sauerstoffgabe per Maske — Ziel-SpO₂ 94–98 % (bei Säuglingen 92–95 %).
- Salbutamol über Spacer/Inhalationsgerät: 4–10 Hübe alle 20 Minuten in der ersten Stunde oder 2,5–5 mg verneult.
- Ipratropiumbromid 250–500 µg als Inhalation bei schwerem Anfall, zusätzlich zu Salbutamol.
- Systemische Glukokortikoide — Prednisolon 1–2 mg/kg (max. 40–60 mg) per os oder i.v., Kurzdauer 3–5 Tage.
- Magnesiumsulfat 40–50 mg/kg i.v. über 20 Minuten — bei ausbleibendem Ansprechen in der 1. Stunde.
- Bei anhaltender respiratorischer Insuffizienz — High-Flow-Nasenkanüle (HFNC) oder Intubation.
10. Nicht-medikamentöse Maßnahmen
- Allergenkarenz (regelmäßige Reinigung, allergenfeste Bezüge [Encasings], Staubreduktion).
- Vermeidung von Passivrauchen.
- Influenza- und Pneumokokken-Schutzimpfung.
- Behandlung einer komorbiden allergischen Rhinitis und GERD — verbessert die Asthmakontrolle.
- SIT (allergenspezifische Immuntherapie) — bei monovalenter Sensibilisierung, Alter ≥ 5 Jahre.
- Asthmaschulungen für Eltern, schriftlicher Notfallplan.
11. Prognose
Bis zu 50 % der Kinder mit früh einsetzendem Asthma „wachsen“ im Jugendalter „heraus“. Prognostisch ungünstige Faktoren: frühe Sensibilisierung, schwere Exazerbationen, familiäre Vorbelastung, elterliches Rauchen, atopische Dermatitis.
12. FAQ
Muss bei jedem Kind mit Giemen eine Spirometrie durchgeführt werden?
Erst ab 5 Jahren und bei Verdacht auf Asthma. Bei jüngeren Kindern erfolgt die Diagnose klinisch + diagnostischer Therapiestufe mit ICS für 2–3 Monate.
Sind ICS schädlich für das Längenwachstum des Kindes?
Niedrige und mittlere ICS-Dosierungen sind sicher, das Endwachstum verringert sich um maximal 1 cm. Unkontrolliertes Asthma hemmt das Wachstum stärker als die Therapie.
Wann sollte Montelukast eingesetzt werden?
Stufe 2 als Alternative zu ICS bei virusinduziertem Asthma oder begleitender allergischer Rhinitis. Eltern über das Risiko neuropsychiatrischer Nebenwirkungen aufklären.
Was tun bei einem akuten Anfall zu Hause?
2–4 Hübe Salbutamol über einen Spacer, Wiederholung alle 20 Minuten bis zu 1 Stunde lang. Bei ausbleibender Wirkung und Auftreten von Schwerezeichen — Notarzt rufen.
Ist Sport erlaubt?
Ja. Ein gut kontrolliertes Asthma schränkt die körperliche Aktivität nicht ein. Schwimmen und Mannschaftssportarten werden empfohlen. Vor Belastung — 1–2 Hübe Salbutamol 15 Minuten vorher.
Siehe auch: COPD · Pneumonie · Kinderkrankheiten mit Exanthem · Glukokortikoide · Pädiatrie-Katalog