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In aller Kürze. Klassische „Kinderkrankheiten mit Exanthem“ sind Masern, Röteln, Varizellen, Scharlach, Exanthema subitum (Dreitagefieber) und Erythema infectiosum (Parvovirus B19). Der Schlüssel zur Diagnose ist die Kombination aus Exanthemtyp + Prodromi + Saison/Kontakt + spezifischen Symptomen (Koplik-Flecken, Himbeerzunge, „slapped cheek“-Phänomen). Impfungen (MMR, Varizellen) haben die Inzidenz drastisch gesenkt, jedoch kommt es in den letzten Jahren aufgrund von Impfgegnerschaft vermehrt zu Masernausbrüchen.
1. Vergleichstabelle
| Erkrankung | Erreger | Inkubationszeit | Prodromalstadium | Exanthemtyp | Besonderheiten |
|---|---|---|---|---|---|
| Masern | Morbillivirus | 9–14 Tage | Katarrh, Konjunktivitis, „3 C“ (Cough, Coryza, Conjunctivitis) | Makulopapulös, stadienhaft (Gesicht → Rumpf → Extremitäten) | Koplik-Flecken, Temperatur 39–40 °C, anschließende Pigmentierung |
| Röteln | Rubella virus | 14–21 Tage | Mild, 1–2 Tage | Feinfleckig, rosa, konfluiert nicht | Okzipitale und nuchale Lymphknoten, bei Schwangerschaft – fetales Syndrom |
| Varizellen (Windpocken) | VZV | 10–21 Tage | Fieberbeginn am Tag des Exanthems | Polymorph: Makula → Papula → Vesicula → Kruste | Juckreiz, schubweise neuerliche Eruptionen, auch Schleimhäute betroffen |
| Scharlach | β-hämolysierende Str. A | 1–7 Tage | Fieber, Tonsillitis, Erbrechen | Stecknadelkopfgroß, auf hyperämischem Grund, Pastia-Linien | Himbeerzunge, Filatov-Phänomen (3-Eck), lamelläre Desquamation |
| Exanthema subitum | HHV-6/7 | 5–15 Tage | 3 Tage hohes Fieber ohne Symptome | Makulös am 3.–4. Tag, wenn das Fieber abklingt | Kinder im Alter von 6–24 Monaten, häufig Auslöser von Febrilexulzen/Fieberkrämpfen |
| Parvovirus B19 | Parvovirus B19 | 4–14 Tage | Mild | „Ohrfeigen“-Geschenk (slapped cheek), danach gitterartiges/retikuläres Exanthem am Rumpf | Arthritis bei Erwachsenen, aplastische Krise bei Hämoglobinopathien |
2. Masern
- Prodromalstadium 3–4 Tage: Temperatur 39–40 °C, Husten, Schnupfen, Konjunktivitis, Photophobie.
- Am 2.–3. Tag – Koplik-Flecken an der Bukkalmukosa gegenüber den unteren Molaren (weiße Flecken auf hyperämischem Grund) – pathognomonisch.
- Am 4.–5. Tag – stadienhaftes Exanthem: Gesicht/hinter den Ohren → Rumpf → Extremitäten. Makulopapulöses Exanthem, konfluierend.
- Abklingen ab dem 3. Tag des Exanthems – Pigmentierung, feine Schuppung.
- Komplikationen: Pneumonie (Todesursache Nr. 1), Enzephalitis (1:1000), subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE, selten, spät auftretend).
- Diagnose – ELISA IgM, Klinik; Masern sind meldepflichtig.
- Behandlung – symptomatisch + Vitamin A 200.000 IE an 2 Tagen (WHO) – ↓ Letalität.
- Prävention – MMR-Impfung mit 12 Monaten und 6 Jahren.
3. Röteln
- Milder Verlauf, subfebrile Temperaturen.
- Feinfleckiges, rosa Exanthem, beginnt im Gesicht, breitet sich innerhalb von 24 Stunden auf den Rumpf aus; hält 2–3 Tage an; keine Schuppung.
- Vergrößerung okzipitaler, nuchaler und retroaurikulärer Lymphknoten – charakteristisch.
- Arthralgien, insbesondere bei Jugendlichen und Frauen.
- Kongenitales Rötelnsyndrom (CRS) bei Infektion im 1. Trimenon: Katarakt, angeborene Herzfehler (PDA, Pulmonalisstenose), Taubheit – Gregg-Trias.
- Prophylaxe — MMR.
4. Varizellen (Windpocken)
- Erreger — VZV (Varizella-Zoster-Virus).
- Fieber + Exanthem gleichzeitig; schubweise Neuauftretens von Läsionen über 3–5 Tage.
- Falscher Polymorphismus: nebeneinander Flecken, Papeln, Vesikel, Krusten. Starker Juckreiz.
- Kann auf Schleimhäuten auftreten (Mund, Genitalien, Konjunktiven).
- Komplikationen: bakterielle Superinfektion (Streptokokken-Zellulitis), Pneumonie (bei Erwachsenen und Immunsupprimierten), zerebelläre Ataxie, Enzephalitis, Reye-Syndrom bei Einnahme von Aspirin.
- Danach verbleibt VZV in den Spinalganglien → Reaktivierung = Herpes zoster (Gürtelrose).
- Therapie: Kinder < 12 Jahre — symptomatisch, Aciclovir bei schwerem Verlauf oder bei Risikogruppen. Jugendliche, Erwachsene, Immundefizienz — Aciclovir 20 mg/kg 4-mal täglich (bis zu 800 mg 5-mal täglich).
- Prophylaxe — Impfstoff (in Russland nicht im nationalen Impfkalender, aber verfügbar).
5. Scharlach
- β-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A, erythrogenes Toxin.
- Akuter Beginn: Fieber, Halsschmerzen, Erbrechen.
- Stecknadelkopf- bis hirsekorngroßes Exanthem auf hyperemischem Grund, verdichtet sich in den Hautfalten (Pastia-Linien — hämorrhagische Streifen in den Ellenbeugen und Kniekehlen), hyperemisches Gesicht mit blassem perioralem Dreieck (Filatow-Dreieck).
- «Himbeerzunge» bis zum 3.–5. Tag (zunächst belegt, danach leuchtend rot mit hypertrophierten Papillen).
- Lamelläre Desquamation an Handflächen und Fußsohlen ab der 2. Woche.
- Komplikationen: akutes rheumatisches Fieber (ARF), poststreptokokkale Glomerulonephritis, Peritonsillarabszess, Otitis media.
- Therapie — Penicilline/Amoxicillin für 10 Tage; bei Allergie — Makrolide, Cephalosporine.
6. Exanthema subitum (Dreitagefieber)
- HHV-6, HHV-7. Kinder im Alter von 6–24 Monaten.
- Hohes Fieber für 3–5 Tage ohne Fokussymptome — häufige Ursache von Fieberkrämpfen.
- Exanthem tritt bei Fieberabfall auf: kleinfleckig, rosa, an Rumpf und Nacken.
- Symptomatische Therapie, günstige Prognose.
7. Erythema infectiosum (Ringelröteln)
- Parvovirus B19.
- Klassische «Ohrfeigen-Gesicht» — helle, scharf begrenzte Erytheme auf den Wangen, Blässe um den Mund.
- Nach einigen Tagen — «netzförmiges» Exanthem an den Extremitäten und am Rumpf, kann bei Sonnenbädern und Stress rezidivieren.
- Bei Erwachsenen — Arthralgien/Arthritis.
- In der Schwangerschaft (insbesondere vor der 20. SSW) — Risiko eines Hydrops fetalis, Fetalverlust.
- Bei hämolytischen Anämien — aplastische Krise (Parvovirus hat einen Tropismus zu Erythroblasten).
8. Differentialdiagnose
- Allergische Urtikaria — Quaddeln, Juckreiz, rasche Dynamik.
- Meningokokkenerkrankung — hämorrhagisches Exanthem, sternförmig, verschwindet bei Druck nicht (Glas-Test). Dringende Hospitalisierung, Ceftriaxon.
- Enteroviren-Exanthem (Hand-Fuß-Mund-Krankheit) — Vesikel an Handflächen, Fußsohlen, im Mund.
- Toxikoallergische Reaktionen auf Medikamente.
- Infektiöse Mononukleose — makulopapulöses Exanthem nach Amoxicillin.
- Kawasaki-Syndrom — Fieber > 5 Tage, polymorphes Exanthem, Konjunktivitis, gesprungene Lippen, Himbeerzunge, Zervixlymphadenopathie, Abschuppung der Fingerspitzen; Koronaraneurysmen!
- Lyme-Borreliose — Erythema migrans (Wanderröte).
- Staphylokokkaler Scharlach (SSSS/TSS).
9. Isolation und Quarantäne
- Masern — Isolation bis zum 4. Tag nach Auftreten des Exanthems; Kontaktpersonen ohne Impfung — 21 Tage.
- Röteln — bis zu 5 Tage nach Exanthembeginn; besondere Vorsicht bei Schwangeren.
- Varizellen — bis zur Abtrocknung aller Krusten (5.–7. Tag nach dem letzten Ausschub).
- Scharlach — bis zu 22 Tage nach Erkrankungsbeginn (unter Antibiotika — 7 Tage).
10. Impfung (Nationaler Impfkalender Russlands)
- Masern, Röteln, Mumps (MMR) — im Alter von 12 Monaten und 6 Jahren.
- Nach epidemiologischen Indikationen — Erwachsene bis 35 Jahre ohne Impfdokumentation.
- Varizellen — empfohlen, außerhalb des nationalen Impfkalenders verfügbar (Varilrix).
- Passive Prophylaxe (Immunglobuline) für Schwangere und Immunsupprimierte nach Kontakt.
11. FAQ
Kann ein geimpftes Kind Masern bekommen?
Ja, aber äußerst selten (1–2 %), meist als milder, atypischer Verlauf. Das Zwei-Dosen-Schema der MMR bietet 97 % Schutz.
Wie unterscheidet man Windpocken von impetigo contagiosa?
Impetigo zeigt monomorphe, gelbliche Krusten, meist im Gesicht, ohne Fieber; Varizellen zeigen Polymorphismus am gesamten Körper mit Fieber.
Wann ist eine Hospitalisierung zwingend erforderlich?
Masern mit Pneumonie/Enzephalitis, Windpocken bei Erwachsenen und Schwangeren, Scharlach mit Komplikationen, jedes hämorrhagische Exanthem (Verdacht auf Meningokokken).
Ist Scharlach bei Erwachsenen gefährlich?
Kommt seltener vor, verläuft jedoch häufiger atypisch und schwer, höheres Risiko für ein akutes rheumatisches Fieber.
Kann man ein Kind «absichtlich» mit Windpocken anstecken?
Nein. Die Praxis von «Pox Partys» wird nicht empfohlen: Komplikationen bei Kleinkindern sind unvorhersehbar. Die Impfung ist zu bevorzugen.
Siehe auch: Asthma bei Kindern · Stillen · Tuberkulose · HIV · Pädiatrie-Katalog