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Kardiologie

EKG-Interpretation: Norm, Zacken, Intervalle, Algorithmus

Redaktion von WhiteCoat Pro11. April 2026Aktualisiert am 16. September 20266 Min. Lesezeit
Inhalt · 12 Abschnitte
  1. 1. Technische Grundlagen
  2. 2. Ableitungen und ihre Achsen
  3. 3. Zacken und ihre Norm
  4. 4. Elektrische Herzachse
  5. 5. HF-Bestimmung
  6. 6. Sinusrhythmus
  7. 7. Leitungsblockaden
  8. 8. Hypertrophie
  9. 9. Ischämie und Infarkt
  10. 10. Auswertungsalgorithmus
  11. 11. Elektrolytstörungen im EKG
  12. 12. FAQ

Kurz und bündig. Das EKG ist eine grafische Aufzeichnung der elektrischen Herzaktivität. Standardmäßig 12 Ableitungen: 6 Brustwandableitungen (V1–V6) + 3 Standardableitungen (I, II, III) + 3 verstärkte Extremitätenableitungen (aVR, aVL, aVF). Vorschub 25 mm/s (1 mm = 0,04 s), 10 mm = 1 mV. Norm: P < 0,12 s und < 2,5 mm, PR 0,12–0,20 s, QRS 0,06–0,10 s, QT (korrigiert) ≤ 0,44 s bei Männern und ≤ 0,46 bei Frauen, HF 60–100, Achse −30° bis +90°. Algorithmus: Rhythmus → HF → Achse → Intervalle → Zacken → ST-Strecke → ischämische/infarktbedingte Veränderungen → Leitungsstörungen.

1. Technische Grundlagen

  • Registriergeschwindigkeit 25 mm/s (50 mm/s zur Detailbetrachtung möglich).
  • Kalibrierung: 10 mm = 1 mV (Standard).
  • Auf dem Standardpapier: 1 kleines Kästchen = 1 mm = 0,04 s; 1 großes Kästchen = 5 mm = 0,20 s.
  • Ableitung: Extremitätenelektroden (rot — rechter Arm, gelb — linker Arm, grün — linke Beine, schwarz — rechtes Bein/„Erde“).
  • Brustwandableitungen V1–V6: V1 — 4. Interkostalraum rechts am Sternumrand, V2 — 4. links, V4 — 5. Interkostalraum in der Medioklavikularlinie, V3 — zwischen V2 und V4, V5 — vordere Axillarlinilierung auf Höhe von V4, V6 — mittlere Axillarlinie auf Höhe von V4.

2. Ableitungen und ihre Achsen

AbleitungAchse (°)Myokardbezirk
I0°Laterale Wand des linken Ventrikels
II+60°Hinterwand
III+120°Hinterwand
aVR−150°Linke Ventrikelhöhle (invers)
aVL−30°Anterolateral
aVF+90°Hinterwand
V1–V2—Septum, rechter Ventrikel
V3–V4—Vorderwand
V5–V6—Seitenwand

3. Zacken und ihre Norm

  • P-Welle — Vorhofdepolarisation; positiv in I, II, aVF, V2–V6; Amplitude < 2,5 mm; Dauer < 0,12 s.
  • PR-Intervall — vom Beginn P bis Beginn QRS; 0,12–0,20 s.
  • QRS-Komplex — Ventrikuläre Depolarisation; 0,06–0,10 s.
  • R-Zacke — Hauptausschlag positiv; nimmt von V1 zu V5–V6 an Höhe zu.
  • S-Zacke — in V1–V2 tief, verschwindet zu V5–V6.
  • Q-Zacke — < 0,03 s und < 1/4 R (in allen Ableitungen außer aVR, V1); pathologisch bei > 0,04 s oder tiefer.
  • ST-Strecke — isoelektrisch; Elevation/Depression > 1 mm — Auffälligkeit.
  • T-Welle — Ventrikuläre Repolarisation; positiv in den meisten Ableitungen außer aVR und V1 (variabel).
  • QT — vom Beginn QRS bis zum Ende von T; Bazett-Korrektur QTc = QT / √RR.
  • U-Welle — kleine positive Welle nach T; nicht immer sichtbar, mit Hypokaliämie assoziiert.

4. Elektrische Herzachse

  • Norm: von −30° bis +90° (häufigster Bereich 0° bis +60°).
  • Linkstyp (LVH/LSB): von −30° bis −90°.
  • Rechtstyp (RVH, Lungenembolie, Block des linken hinteren Faszikels): von +90° bis +180°.
  • Extremer Lagetyp (−90° bis ±180°): „Nordwest-Typ“ — selten, pathologisch.
  • Schnellmethode: QRS in I und aVF. Beide positiv — Norm; I negativ, aVF positiv — Rechtstyp; I positiv, aVF negativ — Linkstyp.

5. HF-Bestimmung

  • Regulärer Rhythmus: 1500 / (Anzahl kleiner Kästchen zwischen R-R) oder 300 / (Anzahl großer Kästchen).
  • Große Kästchen zwischen R-R: 1 → 300, 2 → 150, 3 → 100, 4 → 75, 5 → 60, 6 → 50.
  • Unregelmäßiger Rhythmus: Anzahl der QRS-Komplexe in 6 Sekunden (30 große Kästchen) zählen und mit 10 multiplizieren.
  • Norm 60–100 S/min; Bradykardie < 60, Tachykardie > 100.

6. Sinusrhythmus

  • Reguläre P-Wellen vor jedem QRS-Komplex, konstante Morphologie.
  • P positiv in I, II, aVF, negativ in aVR.
  • PR-Intervall konstant und im Normbereich.
  • Herzfrequenz 60–100 S/min (< 60 — Sinusbradykardie; > 100 — Sinustachykardie).
  • Sinusarrhythmie (respiratorisch) bei Jugendlichen und Sportlern — Normvariante.

7. Leitungsblockaden

  • AV-Block 1. Grades: PR > 0,20 s.
  • AV-Block 2. Grades Typ Mobitz I (Wenckebach): progressive Verlängerung der PR-Strecke bis zum Ausfall eines QRS-Komplexes.
  • Mobitz II: konstantes PR-Intervall, intermittierender Ausfall von QRS-Komplexen ohne vorherige Verlängerung.
  • AV-Block 3. Grades (komplett): Vorhöfe und Ventrikel schlagen völlig unabhängig voneinander.
  • RSBCC (Rechtsschenkelblock): rSR' in V1–V2, breites S in I, V5–V6; QRS > 0,12 s.
  • LSBCC (Linksschenkelblock): breites mono- oder bisphasisches R in I, aVL, V5–V6; QS oder rS in V1–V2; QRS > 0,12 s.
  • Unvollständiger RSBCC — QRS 0,10–0,12 s mit rSR' in V1.

8. Hypertrophie

  • Linksherzhypertrophie (Sokolow-Lyon): S(V1) + R(V5 oder V6) ≥ 35 mm.
  • Cornell-Index: R(aVL) + S(V3) > 28 mm bei Männern, > 20 bei Frauen.
  • Romhilt-Estes — Punktesystem.
  • Rechtsherzhypertrophie: R/S > 1 in V1, tiefes S in V5–V6, Rechtstyp (Lagetyp).
  • Rechtsatriumhypertrophie: „P pulmonale“ — hohe, spitze P-Welle ≥ 2,5 mm.
  • Linksatriumhypertrophie: „P mitrale“ — breite, M-förmige P-Welle in I, II; negative Phase in V1 tiefer als 1 mm und breiter als 0,04 s.

9. Ischämie und Infarkt

  • Subendokardiale Ischämie — ST-Strecken-Depression ≥ 1 mm, horizontal/absteigend.
  • Subepikardiale Ischämie — ST-Strecken-Elevation ≥ 1 mm in zwei benachbarten Ableitungen (in V2–V3 — ≥ 2 mm bei Männern, 1,5 mm bei Frauen).
  • Infarktzonen nach Ableitungen: Inferior (II, III, aVF → RCA), Anterior (V1–V4 → LAD), Lateral (I, aVL, V5–V6 → LCx), Posterior (Depression in V1–V3, reziprokes Bild; V7–V9 — Elevation), RV (V3R, V4R).
  • MI-Dynamik: ↑ ST (Minuten–Stunden) → pathologisches Q (Stunden–Tage) → negatives T (Wochen–Monate) → Normalisierung.
  • Reziproke Depression — bestätigt einen STEMI.

10. Auswertungsalgorithmus

  • 1. Sinusrhythmus? (regelm. P vor jedem QRS, positiv in II).
  • 2. HF (60–100?).
  • 3. Lagetyp.
  • 4. Intervalle: PR, QRS, QT/QTc.
  • 5. P-Welle (Höhe, Breite, Form).
  • 6. QRS-Komplex (Amplitude, Form, Vorhandensein pathologischer Q-Wellen).
  • 7. ST-Strecke (Elevation, Depression).
  • 8. T-Welle (Höhe, Inversion, Symmetrie).
  • 9. Überleitungsstörungen.
  • 10. Vergleich mit vorherigen EKGs.

11. Elektrolytstörungen im EKG

  • Hyperkaliämie: hohe, spitze T-Wellen → PR-Verlängerung → QRS-Verbreiterung → Sinuskurve → Asystolie.
  • Hypokaliämie: flaches T, ausgeprägte U-Welle, ST-Depression, QT-Verlängerung.
  • Hyperkalzämie: QT-Verkürzung.
  • Hypokalzämie: QT-Verlängerung, keine T-Wellen-Veränderungen.
  • Hypothermie: Osborne-Welle (J-Welle) — positiv am J-Punkt, meist in V3–V6.

12. FAQ

Warum zeigt aVR ventrikuläre Prozesse spiegelverkehrt?
Die aVR-Achse ist vom Herzen zur rechten Schulter gerichtet (−150°), d. h. entgegen dem Hauptvektor der LV-Depolarisation. Daher sind alle Hauptzacken invertiert: P ist negativ, R ist klein, Q ist tief, T ist in der Norm negativ.

Was ist die QTc und warum muss sie korrigiert werden?
Die QT-Dauer ist herzfrequenzabhängig — je schneller der Rhythmus, desto kürzer QT. Zum Normvergleich wird QTc verwendet (Bazett: QT/√RR; Fridericia für schnelle Rhythmen). Norm < 0,44 s (M), < 0,46 (F); > 0,50 — hohes Risiko für Torsades de Pointes.

Wann sind zusätzliche Ableitungen V7–V9 und V3R–V4R erforderlich?
V7–V9 — bei Verdacht auf einen posterioren MI (bei ST-Depression in V1–V3 mit hohem R). V3R–V4R — bei inferiorem MI zum Ausschluss einer Rechtsventrikelbeteiligung (ST-Elevation in V4R — Marker).

Wie unterscheidet man eine Sinustachykardie schnell von Vorhofflimmern?
Sinustachykardie — regelmäßig, P vor jedem QRS vorhanden. Vorhofflimmern — unregelmäßig, kein P, chaotische „f“-Wellen, unterschiedliche R-R-Intervalle.

Warum ist ein Vergleichs-EKG wichtig?
Viele Veränderungen lassen sich nur in der Dynamik interpretieren. Neue ST-Elevation oder Auftreten von Q — MI; länger bestehend — Zustand nach MI. Ein isoliertes „Spiegelbild“ ohne alte EKGs kann fälschlicherweise als normal angesehen werden.

Siehe auch: Myokardinfarkt · Arrhythmien · EKG-Blockbilder · Hyperkaliämie · Kardiologie-Katalog

Das Material hat Bildungscharakter und ersetzt keine ärztliche Beratung. Überprüfen Sie Behandlungs- und Dosierungsschemata anhand der geltenden klinischen Leitlinien.

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