Inhalt · 12 Abschnitte
Kurz und bündig. Das EKG ist eine grafische Aufzeichnung der elektrischen Herzaktivität. Standardmäßig 12 Ableitungen: 6 Brustwandableitungen (V1–V6) + 3 Standardableitungen (I, II, III) + 3 verstärkte Extremitätenableitungen (aVR, aVL, aVF). Vorschub 25 mm/s (1 mm = 0,04 s), 10 mm = 1 mV. Norm: P < 0,12 s und < 2,5 mm, PR 0,12–0,20 s, QRS 0,06–0,10 s, QT (korrigiert) ≤ 0,44 s bei Männern und ≤ 0,46 bei Frauen, HF 60–100, Achse −30° bis +90°. Algorithmus: Rhythmus → HF → Achse → Intervalle → Zacken → ST-Strecke → ischämische/infarktbedingte Veränderungen → Leitungsstörungen.
1. Technische Grundlagen
- Registriergeschwindigkeit 25 mm/s (50 mm/s zur Detailbetrachtung möglich).
- Kalibrierung: 10 mm = 1 mV (Standard).
- Auf dem Standardpapier: 1 kleines Kästchen = 1 mm = 0,04 s; 1 großes Kästchen = 5 mm = 0,20 s.
- Ableitung: Extremitätenelektroden (rot — rechter Arm, gelb — linker Arm, grün — linke Beine, schwarz — rechtes Bein/„Erde“).
- Brustwandableitungen V1–V6: V1 — 4. Interkostalraum rechts am Sternumrand, V2 — 4. links, V4 — 5. Interkostalraum in der Medioklavikularlinie, V3 — zwischen V2 und V4, V5 — vordere Axillarlinilierung auf Höhe von V4, V6 — mittlere Axillarlinie auf Höhe von V4.
2. Ableitungen und ihre Achsen
| Ableitung | Achse (°) | Myokardbezirk |
|---|---|---|
| I | 0° | Laterale Wand des linken Ventrikels |
| II | +60° | Hinterwand |
| III | +120° | Hinterwand |
| aVR | −150° | Linke Ventrikelhöhle (invers) |
| aVL | −30° | Anterolateral |
| aVF | +90° | Hinterwand |
| V1–V2 | — | Septum, rechter Ventrikel |
| V3–V4 | — | Vorderwand |
| V5–V6 | — | Seitenwand |
3. Zacken und ihre Norm
- P-Welle — Vorhofdepolarisation; positiv in I, II, aVF, V2–V6; Amplitude < 2,5 mm; Dauer < 0,12 s.
- PR-Intervall — vom Beginn P bis Beginn QRS; 0,12–0,20 s.
- QRS-Komplex — Ventrikuläre Depolarisation; 0,06–0,10 s.
- R-Zacke — Hauptausschlag positiv; nimmt von V1 zu V5–V6 an Höhe zu.
- S-Zacke — in V1–V2 tief, verschwindet zu V5–V6.
- Q-Zacke — < 0,03 s und < 1/4 R (in allen Ableitungen außer aVR, V1); pathologisch bei > 0,04 s oder tiefer.
- ST-Strecke — isoelektrisch; Elevation/Depression > 1 mm — Auffälligkeit.
- T-Welle — Ventrikuläre Repolarisation; positiv in den meisten Ableitungen außer aVR und V1 (variabel).
- QT — vom Beginn QRS bis zum Ende von T; Bazett-Korrektur QTc = QT / √RR.
- U-Welle — kleine positive Welle nach T; nicht immer sichtbar, mit Hypokaliämie assoziiert.
4. Elektrische Herzachse
- Norm: von −30° bis +90° (häufigster Bereich 0° bis +60°).
- Linkstyp (LVH/LSB): von −30° bis −90°.
- Rechtstyp (RVH, Lungenembolie, Block des linken hinteren Faszikels): von +90° bis +180°.
- Extremer Lagetyp (−90° bis ±180°): „Nordwest-Typ“ — selten, pathologisch.
- Schnellmethode: QRS in I und aVF. Beide positiv — Norm; I negativ, aVF positiv — Rechtstyp; I positiv, aVF negativ — Linkstyp.
5. HF-Bestimmung
- Regulärer Rhythmus: 1500 / (Anzahl kleiner Kästchen zwischen R-R) oder 300 / (Anzahl großer Kästchen).
- Große Kästchen zwischen R-R: 1 → 300, 2 → 150, 3 → 100, 4 → 75, 5 → 60, 6 → 50.
- Unregelmäßiger Rhythmus: Anzahl der QRS-Komplexe in 6 Sekunden (30 große Kästchen) zählen und mit 10 multiplizieren.
- Norm 60–100 S/min; Bradykardie < 60, Tachykardie > 100.
6. Sinusrhythmus
- Reguläre P-Wellen vor jedem QRS-Komplex, konstante Morphologie.
- P positiv in I, II, aVF, negativ in aVR.
- PR-Intervall konstant und im Normbereich.
- Herzfrequenz 60–100 S/min (< 60 — Sinusbradykardie; > 100 — Sinustachykardie).
- Sinusarrhythmie (respiratorisch) bei Jugendlichen und Sportlern — Normvariante.
7. Leitungsblockaden
- AV-Block 1. Grades: PR > 0,20 s.
- AV-Block 2. Grades Typ Mobitz I (Wenckebach): progressive Verlängerung der PR-Strecke bis zum Ausfall eines QRS-Komplexes.
- Mobitz II: konstantes PR-Intervall, intermittierender Ausfall von QRS-Komplexen ohne vorherige Verlängerung.
- AV-Block 3. Grades (komplett): Vorhöfe und Ventrikel schlagen völlig unabhängig voneinander.
- RSBCC (Rechtsschenkelblock): rSR' in V1–V2, breites S in I, V5–V6; QRS > 0,12 s.
- LSBCC (Linksschenkelblock): breites mono- oder bisphasisches R in I, aVL, V5–V6; QS oder rS in V1–V2; QRS > 0,12 s.
- Unvollständiger RSBCC — QRS 0,10–0,12 s mit rSR' in V1.
8. Hypertrophie
- Linksherzhypertrophie (Sokolow-Lyon): S(V1) + R(V5 oder V6) ≥ 35 mm.
- Cornell-Index: R(aVL) + S(V3) > 28 mm bei Männern, > 20 bei Frauen.
- Romhilt-Estes — Punktesystem.
- Rechtsherzhypertrophie: R/S > 1 in V1, tiefes S in V5–V6, Rechtstyp (Lagetyp).
- Rechtsatriumhypertrophie: „P pulmonale“ — hohe, spitze P-Welle ≥ 2,5 mm.
- Linksatriumhypertrophie: „P mitrale“ — breite, M-förmige P-Welle in I, II; negative Phase in V1 tiefer als 1 mm und breiter als 0,04 s.
9. Ischämie und Infarkt
- Subendokardiale Ischämie — ST-Strecken-Depression ≥ 1 mm, horizontal/absteigend.
- Subepikardiale Ischämie — ST-Strecken-Elevation ≥ 1 mm in zwei benachbarten Ableitungen (in V2–V3 — ≥ 2 mm bei Männern, 1,5 mm bei Frauen).
- Infarktzonen nach Ableitungen: Inferior (II, III, aVF → RCA), Anterior (V1–V4 → LAD), Lateral (I, aVL, V5–V6 → LCx), Posterior (Depression in V1–V3, reziprokes Bild; V7–V9 — Elevation), RV (V3R, V4R).
- MI-Dynamik: ↑ ST (Minuten–Stunden) → pathologisches Q (Stunden–Tage) → negatives T (Wochen–Monate) → Normalisierung.
- Reziproke Depression — bestätigt einen STEMI.
10. Auswertungsalgorithmus
- 1. Sinusrhythmus? (regelm. P vor jedem QRS, positiv in II).
- 2. HF (60–100?).
- 3. Lagetyp.
- 4. Intervalle: PR, QRS, QT/QTc.
- 5. P-Welle (Höhe, Breite, Form).
- 6. QRS-Komplex (Amplitude, Form, Vorhandensein pathologischer Q-Wellen).
- 7. ST-Strecke (Elevation, Depression).
- 8. T-Welle (Höhe, Inversion, Symmetrie).
- 9. Überleitungsstörungen.
- 10. Vergleich mit vorherigen EKGs.
11. Elektrolytstörungen im EKG
- Hyperkaliämie: hohe, spitze T-Wellen → PR-Verlängerung → QRS-Verbreiterung → Sinuskurve → Asystolie.
- Hypokaliämie: flaches T, ausgeprägte U-Welle, ST-Depression, QT-Verlängerung.
- Hyperkalzämie: QT-Verkürzung.
- Hypokalzämie: QT-Verlängerung, keine T-Wellen-Veränderungen.
- Hypothermie: Osborne-Welle (J-Welle) — positiv am J-Punkt, meist in V3–V6.
12. FAQ
Warum zeigt aVR ventrikuläre Prozesse spiegelverkehrt?
Die aVR-Achse ist vom Herzen zur rechten Schulter gerichtet (−150°), d. h. entgegen dem Hauptvektor der LV-Depolarisation. Daher sind alle Hauptzacken invertiert: P ist negativ, R ist klein, Q ist tief, T ist in der Norm negativ.
Was ist die QTc und warum muss sie korrigiert werden?
Die QT-Dauer ist herzfrequenzabhängig — je schneller der Rhythmus, desto kürzer QT. Zum Normvergleich wird QTc verwendet (Bazett: QT/√RR; Fridericia für schnelle Rhythmen). Norm < 0,44 s (M), < 0,46 (F); > 0,50 — hohes Risiko für Torsades de Pointes.
Wann sind zusätzliche Ableitungen V7–V9 und V3R–V4R erforderlich?
V7–V9 — bei Verdacht auf einen posterioren MI (bei ST-Depression in V1–V3 mit hohem R). V3R–V4R — bei inferiorem MI zum Ausschluss einer Rechtsventrikelbeteiligung (ST-Elevation in V4R — Marker).
Wie unterscheidet man eine Sinustachykardie schnell von Vorhofflimmern?
Sinustachykardie — regelmäßig, P vor jedem QRS vorhanden. Vorhofflimmern — unregelmäßig, kein P, chaotische „f“-Wellen, unterschiedliche R-R-Intervalle.
Warum ist ein Vergleichs-EKG wichtig?
Viele Veränderungen lassen sich nur in der Dynamik interpretieren. Neue ST-Elevation oder Auftreten von Q — MI; länger bestehend — Zustand nach MI. Ein isoliertes „Spiegelbild“ ohne alte EKGs kann fälschlicherweise als normal angesehen werden.
Siehe auch: Myokardinfarkt · Arrhythmien · EKG-Blockbilder · Hyperkaliämie · Kardiologie-Katalog