Das Konzept der kombinierten Grunderkrankung
In der medizinischen Praxis kommt es manchmal vor, dass bei einer Obduktion gleich mehrere Krankheiten gefunden werden, von denen jede eine Rolle im Thanatogenese-Prozess gespielt hat und es unmöglich ist, eine einzige Todesursache auszuwählen. In solchen Fällen verwenden Ärzte die Kategorien der kombinierten Pathologie.
In der modernen Praxis ist der Begriff „kombinierte Grunderkrankung“ selten anzutreffen. Im pathologisch-anatomischen Befund wird sofort die spezifische Art der Beziehung zwischen den Pathologien angegeben: konkurrierende oder kombinierte Prozesse.
Konkurrierende Krankheiten und ihre Formulierung
Unter konkurrierenden Krankheiten versteht man zwei oder mehr Prozesse, von denen jeder in der Lage ist, unabhängig voneinander zum Tod zu führen.
- Klinisches Beispiel: Ein älterer Patient mit Magenkarzinom im Stadium IV und schwerer Koronararteriosklerose. Der Tumor verursacht eine Hyperkoagulation, die zu Thrombose und Myokardinfarkt führt.
- Diagnostische Logik: Der Tumor war bereits tödlich, aber der entwickelte Infarkt wurde ebenfalls zu einer fatalen Ursache. Es entsteht eine Konkurrenz zwischen zwei tödlichen Nosologien.
Bei der Diagnosestellung wird die erste Pathologie unter der Rubrik „Kombinierte Grunderkrankung“ und die zweite als „Konkurrierende Krankheit“ erfasst.
Kombinierte Erkrankungen
Als kombiniert werden Krankheiten mit unterschiedlicher Ätiologie und unterschiedlichem Entwicklungsmechanismus bezeichnet, wobei keine von ihnen für sich allein tödlich ist. Sie stimmen zeitlich überein, verschlimmern den Verlauf des jeweils anderen und führen zusammen zum Tod des Organismus.
Ein Beispiel ist eine klinische Situation, in der bei einer Patientin nach der Osteosynthese einer Schenkelhalsfraktur aufgrund von Bettlägerigkeit eine bilaterale Pneumonie auftrat. Die Fraktur allein verursacht nicht sofort den Tod, und die Pneumonie ist keine direkte Komplikation des Traumas, da sie bei guter Pflege hätte vermieden werden können. Beide Prozesse verlaufen parallel, weshalb dieser Zustand als kombinierte Grunderkrankung klassifiziert wird.
Hintergrundkrankheit und Polypathien
Als Hintergrundkrankheit bezeichnet man eine Pathologie, die eine Schlüsselrolle bei der Entstehung und dem schweren Verlauf des Hauptprozesses gespielt hat und zu tödlichen Komplikationen beiträgt. Ein historisches Beispiel sind Myokardinfarkt und Schlaganfall: Pathogenetisch sind sie Komplikationen von Atherosklerose oder Hypertonie, aber für eine korrekte WHO-Statistik werden sie als Grunderkrankung aufgeführt, während die Ursachen in den Hintergrund verlegt werden.
Polypathien stellen eine Gruppe von Grunderkrankungen dar, die als eine Familie verwandter Krankheiten oder als zufällige Assoziation formuliert werden können. Sie umfassen Kombinationen von konkurrierenden, kombinierten oder Hintergrundprozessen, wobei die Nosologie, die direkt zum Tod geführt hat, als Hauptursache anerkannt wird.
Kurz gefasst: Antworten auf Fragen zum Thema
Was sind die Regeln für die Kodierung kombinierter Grunderkrankungen nach ICD?
Im ICD-System wird die Todesursache ausschließlich nach der Grunderkrankung kodiert. Bei Vorliegen mehrerer Krankheiten (Polypathien), einschließlich konkurrierender, kombinierter oder Hintergrundpathologien, gelten folgende Prinzipien für die Auswahl bei der Kodierung:
- Auswahl der Nosologie – als Grunderkrankung wird jene Krankheit angenommen, die die unmittelbare Todesursache geworden ist.
- Kodierung der Todesursache – erfolgt genau nach der ausgewählten Grunderkrankung im ICD-System.
Die Rubrik „kombinierte Grunderkrankung“ selbst wird in der modernen Praxis selten verwendet; meistens wird in der Diagnose sofort die Art der Beziehung zwischen den Krankheiten angegeben.
Konkurrieren – bedeutet um den Vorrang kämpfen (jede ist für sich tödlich). Kombinieren – bedeutet als Team agieren (nicht einzeln tödlich, aber zusammen tödlich). Hintergrund – ist der Boden, auf dem alles gewachsen ist.
Fragen aus Vorlesungen und Prüfungen
Worin unterscheiden sich konkurrierende Krankheiten von kombinierten Krankheiten?
Konkurrierende Krankheiten sind jede für sich tödlich. Kombinierte Krankheiten würden für sich allein nicht zum Tod führen, aber aufgrund ihrer gleichzeitigen Entwicklung und gegenseitigen Verschlimmerung töten sie den Organismus gemeinsam.
Warum wird der Myokardinfarkt bei Vorliegen von Atherosklerose als Grunderkrankung eingestuft?
Pathogenetisch ist der Infarkt eine Komplikation von Atherosklerose oder Hypertonie, aber auf Beschluss der WHO für genaue medizinische Statistiken wird er als Grunderkrankung formuliert, während Atherosklerose als Hintergrund angegeben wird.
Kann eine Pneumonie nach einer Schenkelhalsfraktur als Komplikation dieser Fraktur angesehen werden?
Nein, zwischen ihnen besteht keine direkte pathogenetische Verbindung, da sich die Pneumonie bei angemessener Pflege möglicherweise nicht entwickelt hätte. Sie wird als kombinierte Krankheit betrachtet.
Was es zum Thema noch zu wiederholen gibt
- Geschichte und Standards der Weltgesundheitsorganisation zur Erfassung des Myokardinfarkts
- Besonderheiten der Thanatogenese bei der Kombination von Traumata und infektiösen Komplikationen
- Regeln für die Erstellung der pathologisch-anatomischen Diagnose bei Polypathien
- Kriterien für die Trennung von Krankheitsfamilien und zufälligen Assoziationen
- Rolle von Hintergrundnosologien bei der Entwicklung zerebrovaskulärer Ereignisse
Bearbeiten Sie das Thema komplett im Kurs „Pathologische Anatomie“
Hier ist die Zusammenfassung. Im Kurs finden Sie alles, was in Vorlesung und Prüfung gefragt wird.
- Vollständiger Leitfaden zum Thema „Komorbidität“ und weitere 4.414 Seiten des Fachs
- Aufgaben und Tests nach jedem Thema – wie beim Kolloquium
- Der KI-Tutor beantwortet Ihre Fragen zum Thema jederzeit
- 153 Videolektionen zum Fach
Weitere Themen aus dem Bereich „Einführung in die Nosologie“
Kostenlose Videolektionen: Pathologische AnatomieKurze Lektionen mit Zusammenfassungen — ohne Registrierung.
Das Material wurde von Dozenten von WhiteCoat Pro nach dem Lehrplan medizinischer Hochschulen erstellt. Es hat Bildungscharakter.