Inhalt · 12 Abschnitte
- 1. Geschichte und Autor
- 2. Fünf Kriterien und Punkte
- 3. Wann und wie bewertet wird
- 4. Interpretation der Summe
- 5. Zusammenhang mit der Reanimation
- 6. Grenzen des Scores
- 7. Prognostische Bedeutung
- 8. Therapeutische Hypothermie
- 9. Besonderheiten bei Frühgeborenen
- 10. Rechtliche und dokumentarische Aspekte
- 11. Beispiel einer klinischen Bewertung
- 12. FAQ
Auf den Punkt gebracht. Der Apgar-Score ist eine rasche Beurteilung des Neugeborenenzustands nach 1 und 5 Minuten Lebenszeit anhand von 5 Kriterien (A-P-G-A-R): Appearance (Aussehen/Kolorit), Pulse (Herzfrequenz), Grimace (Reflexauslösbarkeit), Activity (Muskeltonus), Respiration (Atmung). Jedes Kriterium 0–2 Punkte; Summe 0–10. 8–10 — normal; 4–7 — mittelgradige Asphyxie; 0–3 — schwergradige. Bei einem Wert ≤ 7 nach 5 Minuten wird die Beurteilung alle 5 Minuten bis zur 20. Minute fortgesetzt. Der Score ersetzt NICHT die Entscheidung zur Reanimation — diese wird in den ersten Sekunden anhand von Herzfrequenz, Atmung und Muskeltonus getroffen.
1. Geschichte und Autor
- Entwickelt von der US-amerikanischen Anästhesiologin Virginia Apgar im Jahr 1952.
- Das Ziel ist die Standardisierung der Zustandsbeurteilung des Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt.
- Das Akronym APGAR wurde 1962 vorgeschlagen (Appearance-Pulse-Grimace-Activity-Respiration).
- Seit den 1960er Jahren ein weltweiter Standard, in Russland gemäß den Vorgaben des russischen Gesundheitsministeriums obligatorisch.
2. Fünf Kriterien und Punkte
| Kriterium | 0 | 1 | 2 |
|---|---|---|---|
| Hautkolorit (Appearance) | Zyanose/Blässe des gesamten Körpers | Akrozyanose (Extremitäten blau, Rörper rosarot) | Vollständig rosarot |
| Herzfrequenz (Pulse) | Fehlt | < 100/min | ≥ 100/min |
| Reflexauslösbarkeit (Grimace) | Keine Reaktion | Grimassieren, schwache Reaktion | Krähnen/Schreien, Husten, Niesen |
| Muskeltonus (Activity) | Atonie | Leichte Flexion | Aktive Bewegungen |
| Atmung (Respiration) | Fehlt | Schwaches Schreien, Bradypnoe | Kräftiges Schreien, rhythmisch |
3. Wann und wie bewertet wird
- Die erste Beurteilung erfolgt in der 1. Minute des Lebens (spiegelt den intrauterinen/intranatalen Zustand wider).
- Die zweite in der 5. Minute (spiegelt die Effektivität der Adaptation und der frühen Versorgung wider).
- Bei einer Summe ≤ 7 nach 5 Minuten wird die Beurteilung alle 5 Minuten bis zur 20. Minute oder bis zum Erreichen von ≥ 7 Punkten fortgesetzt.
- Die Beurteilung erfolgt unabhängig von Reanimationsmaßnahmen (Beatmung, Herzdruckmassage) — es wird der reale Zustand des Kindes erfasst.
- Wird in der Neugeborenenakte als „Apgar 1./5. Min.“ dokumentiert.
4. Interpretation der Summe
| Punktesumme | Interpretation | Maßnahmen |
|---|---|---|
| 8–10 | Normaler / unauffälliger Zustand | Standardversorgung, Haut-zu-Haut-Kontakt |
| 6–7 | Leichte Asphyxie | Taktile Stimulation, Überwachung der Atmung |
| 4–5 | Mittelgradige Asphyxie | Absaugen, Maskenbeatmung, Sauerstoff |
| 0–3 | Schwere Asphyxie | Vollständiger Reanimationskomplex (ABC), Intubation, Herzdruckmassage, Adrenalin |
5. Zusammenhang mit der Reanimation
- Die Entscheidung zur Reanimation wird in den ersten 30 Sekunden getroffen — es wird nicht bis zur 1. Minute gewartet.
- Kriterien für den Reanimationsbeginn: fehlende/ineffektive Atmung, Herzfrequenz < 100/min, abrupter Abfall des Muskeltonus.
- NRP-Algorithmus (Neonatal Resuscitation Program, AHA/AAP 2020/2023): „Anwärmen, Abtrocknen, Stimulieren, Absaugen“ → Maskenbeatmung 30 s → bei Herzfrequenz < 60 → Herzdruckmassage 3:1 + 100 % O₂ → Adrenalin i.v. 0,01–0,03 mg/kg.
- Der Apgar-Score ist eine retrospektive Beurteilung und kein entscheidendes Kriterium für den Beginn der Reanimation.
6. Grenzen des Scores
- Subjektivität (insbesondere „Färbung“ und „reflektorische Erregbarkeit“).
- Berücksichtigt nicht die Ursache für einen niedrigen Score (Asphyxie vs. medikamentöse Depression durch mütterliche Opioide, Frühgeburtlichkeit).
- Bei Frühgeborenen (< 32 SSW) ist der Score aufgrund der Unreife immer erniedrigt — es werden separate Skalen benötigt (Silverman-Anderson-Score für respiratorische Insuffizienz).
- Korreliert nicht eindeutig mit der neurologischen Langzeitprognose.
- Ersetzt nicht die Nabelschnurblutgasanalyse zur Diagnostik einer intrauterinen/subpartalen Hypoxie (Arterieller Nabelschnur-pH < 7,0 + Basismizifit/Basenüberschuss BE > 12 mmol/l — objektive Marker).
7. Prognostischer Wert
- Apgar 0–3 nach 5 Minuten — 8-faches Risiko für neonatale Mortalität.
- Apgar ≤ 3 nach 10 und 20 Minuten — signifikanter Risikofaktor für Zerebralparese und Epilepsie.
- Ein isoliert niedriger Score in der 1. Minute ohne niedrigen Wert in der 5. Minute — in der Regel eine günstige Prognose.
- Kombination aus Apgar + arteriellem Nabelschnur-pH + Klinik der hypnotisch-ischämischen Enzephalopathie (HIE nach Sarnat) — Grundlage für die Entscheidung zur therapeutischen Hypothermie.
8. Therapeutische Hypothermie
- Indiziert bei moderater/schwerer HIE bei Reifgeborenen (≥ 36 SSW).
- Kriterien (Kombination): Apgar ≤ 5 nach 10 min ODER Beatmung ≥ 10 min ODER Nabelschnur-pH < 7,0 ODER BE > 16 + neurologische Symptome (HIE Grad II–III nach Sarnat).
- Beginn innerhalb von 6 h nach der Geburt.
- Zieltemperatur 33,5 °C × 72 h → langsames Aufwärmen.
- Senkt die Mortalität und schwere Behinderungen um ca. 15 %.
9. Besonderheiten bei Frühgeborenen
- Apgar < 32 SSW systematisch niedriger aufgrund von Muskeltonus, Atmung und Reflexen.
- Spezialisierte Skalen CRIB II und SNAPPE-II — Prognose auf der Neonatologischen Intensivstation (NICU).
- Silverman-Anderson-Score — Beurteilung des RDS-Schweregrads.
- Ballard-Score — Bestimmung des Gestationsalters anhand morphologischer Merkmale.
10. Rechtliche und dokumentarische Aspekte
- Der Apgar-Score wird in die Geburts- und Neugeborenenakte eingetragen.
- Dient als wesentlicher retrospektiver Dokumentationsmarker des intrapartalen Zustands.
- Eine exakte Zeiterfassung der 1. und 5. Minute ist wichtig (Reanimationsbett-Uhr).
- Bei niedrigen Scores — obligatorische Dokumentation der durchgeführten Maßnahmen und der Nabelschnurblutgase.
11. Beispiel einer klinischen Beurteilung
- Neugeborenes 3200 g, 39 SSW, Schädellage, mekoniumhaltiges Amnionfluid.
- Nach 1 min: HF 90 (1), schwaches Schreien (1), Akrozyanose (1), leichte Beugung (1), Grimassieren (1) → 5 Punkte.
- Absaugung, taktile Stimulation, Maskenbeatmung 30 s.
- Nach 5 min: HF 140 (2), lautes Schreien (2), rosig (2), aktive Bewegungen (2), rhythmische Atmung (2) → 10 Punkte.
- Interpretation: mäßige Asphyxie in der 1. Minute mit günstiger Adaptation zur 5. Minute.
12. FAQ
Was bedeutet „Apgar 7/8“?
7 Punkte nach 1 Minute (milde Asphyxie, meist respiratorisch) und 8 nach 5 Minuten (normal). Spiegelt eine gute frühe Adaptation wider.
Warum maximal 10 und nicht 12?
5 Kriterien × 2 Punkte = 10. Das ist das Maximum, das in der klinischen Praxis selten vorkommt (meist 8–9 wegen Akrozyanose).
Beeinflusst der Apgar-Score den IQ des Kindes?
Ein isoliert niedriger Wert in der 1. Minute — nein. Eine schwere Asphyxie in der 5. und 10. Minute (0–3) + HIE — ja, erhöht das Risiko für neurologische Folgeschäden.
Muss der Apgar-Score erhoben werden, wenn das Kind ab der ersten Minute intubiert werden muss?
Ja. Die Bewertung erfolgt unabhängig von den durchgeführten Maßnahmen. Es wird der reale Zustand angegeben + in einer separaten Zeile die durchgeführten Maßnahmen.
Warum ist der Nabelschnur-pH präziser?
Objektiver biochemischer Marker einer intrapartalen Hypoxie, unabhängig vom Untersucher. pH < 7,0 + BE > 12 sind der Nachweis einer metabolischen Azidose; der Apgar-Score beschreibt lediglich den Adaptationsphänotyp.
Siehe auch: Physiologische Geburt · Neonatale Asphyxie · Atemnotsyndrom (RDS) bei Frühgeborenen · HIE · Pädiatrie-Katalog