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Kardiopulmonale Reanimation (KPR): BLS- und ACLS-Algorithmen 2020 (AHA/ERC)

Redaktion von WhiteCoat Pro11. April 2026Aktualisiert am 16. September 20266 Min. Lesezeit
Inhalt · 12 Abschnitte
  1. 1. Kette des Überlebens
  2. 2. BLS – Basisreanimation
  3. 3. ACLS – Erweiterte Reanimation
  4. 4. 4H und 4T – Reversible Ursachen
  5. 5. Defibrillation
  6. 6. Atemwegsmanagement und Beatmung
  7. 7. Venöser/intraossärer Zugang
  8. 8. Medikamente
  9. 9. Besondere Situationen
  10. 10. Postreanimationsbehandlung
  11. 11. Kriterien für den Abbruch der Reanimation
  12. 12. FAQ

In Kürze. Erste Maßnahmen bei Kreislaufstillstand (BLS): Sicherheit prüfen, Bewusstsein und Atmung kontrollieren; Hilfe rufen + AED holen; Herzdruckmassage 100–120/min, Tiefe 5–6 cm, 30:2 beginnen; sobald ein AED verfügbar ist, Rhythmusanalyse und ggf. Schockabgabe. Bei ACLS: Adrenalin 1 mg alle 3–5 min bei jedem Rhythmus; Amiodaron 300 mg (oder Lidocain) bei schockbarem Rhythmus nach dem 3. Schock; Behebung reversibler Ursachen (4H/4T: Hypoxie, Hypovolämie, Hypo-/Hyperkaliämie, Hypothermie; Spannungspneumothorax, Tamponade, Toxine, Thrombose). Hochwertige Herzdruckmassagen mit minimalen Unterbrechungen sind wichtiger als alle Medikamente.

1. Kette des Überlebens

  • Früherkennung des Stillstands und Notruf.
  • Frühe, hochwertige Herzdruckmassage.
  • Frühe Defibrillation.
  • Erweiterte Reanimation und Postreanimationsbehandlung.
  • Genesung – Rehabilitation.

Jede Minute ohne Defibrillation bei VF/VT senkt die Überlebensrate um 7–10 %.

2. BLS – Basisreanimation

Erwachsenen-Algorithmus

  1. Eigensicherung prüfen.
  2. Bewusstsein prüfen: „Können Sie mich hören?“, leichtes Schütteln an den Schultern.
  3. Hilfe rufen (112 / Notfallteam), um die Bereitstellung eines AED bitten.
  4. Atemwege freimachen (Kopf überstrecken, Kinn anheben).
  5. Atmung für max. 10 Sek. prüfen (sehen, hören, fühlen). Agonale Atmung = Kreislaufstillstand!
  6. Herzdruckmassage beginnen: 30 : 2 (Kompressionen : Beatmungen), Frequenz 100–120/min, Tiefe 5–6 cm, vollständige Entlastung zwischen den Kompressionen.
  7. Beatmung: 1 Sek., sichtbare Hebung des Thorax; falls nicht möglich – kontinuierliche Herzdruckmassage (Hands-only-CPR).
  8. AED: einschalten, Elektroden aufkleben, Sprachanweisungen befolgen; nach Schock sofortige Fortführung der Herzdruckmassage.
  9. Wechsel des Helfers alle 2 min (5 Zyklen 30 : 2) ohne Unterbrechung der Kompressionen.
  10. Fortführen bis zum Eintreffen des ACLS-Teams oder Wiederherstellung des Kreislaufs.

Qualität der Herzdruckmassage

  • Frequenz 100–120/min (Takt – z. B. „Stayin' Alive“).
  • Tiefe 5–6 cm (mindestens 5, maximal 6).
  • Vollständige Entlastung des Thorax.
  • Minimale Unterbrechungen (< 10 Sek.), Chest Compression Fraction > 60 %.
  • Wechsel alle 2 min bei zwei Helfern.

3. ACLS – Erweiterte Reanimation

Schockbare Rhythmen (VF/pulslose VT)

  1. 2 min Herzdruckmassage, Vorbereitung des Defibrillators.
  2. Schock (biphasisch 120–200 J; monophasisch 360 J).
  3. Sofort – 2 min Herzdruckmassage, ohne Pulsprüfung.
  4. Rhythmusanalyse; bei fortbestehendem VF/VT – Schock + 2 min Herzdruckmassage.
  5. Adrenalin 1 mg i.v./i.o. nach dem 2. Schock, danach alle 3–5 min.
  6. Amiodaron 300 mg i.v. nach dem 3. Schock; bei anhaltendem VF zweite Dosis 150 mg.
  7. Alternative – Lidocain 1–1,5 mg/kg, danach 0,5–0,75 mg/kg.
  8. Erweitertes Atemwegsmanagement sicherstellen, Kapnographie.
  9. Reversible Ursachen (4H/4T) beheben.

Nicht-schockbare Rhythmen (Asystolie, PEA)

  1. 2 min kontinuierliche Herzdruckmassage.
  2. Adrenalin 1 mg i.v./i.o. so früh wie möglich, danach alle 3–5 min.
  3. Suche und Korrektur reversibler Ursachen.
  4. Rhythmusprüfung alle 2 min.

4. 4H und 4T – Reversible Ursachen

«H»Worauf zu achten istWie zu behandeln
HypoxieSpO₂, Blutgase, korrekte TubuslageO₂ 100 %, Beatmungsüberprüfung, Kapnographie
HypovolämieBlutung, AnamneseKristalloide als Bolus 1–2 l, Blutstillung, Transfusion
Hypo-/Hyperkaliämie, metabolischK⁺, pH, GlukoseCa²⁺-Gluconat, Bicarbonat, Insulin + Glukose; Azidosekorrektur
Hypothermie< 35 °CAktives Aufwärmen; bei < 30 °C — 1 Schock, Medikamente verschieben
«T»Worauf zu achten istWie zu behandeln
SpannungspneumothoraxEinseitiges Fehlen der Atemgeräusche, TrachealverschiebungSofortige Dekompression 2. Interkostalraum Medioklavikularlinie
TamponadeBeck-Trias, Ultraschall — ErgussPerikardiozentese unter Ultraschallkontrolle
ToxineAnamnese, EinnahmespurenAntidot (Naloxon bei Opioiden, Lipidemulsion bei LA, Bicarbonat bei TCA)
Thrombose (MI, Lungenembolie)EKG, Lungenembolie nach KlinikThrombolyse mit tPA bei Lungenembolie + Fortführung der CPR ≥ 60–90 Min.

5. Defibrillation

  • Frühzeitige Defibrillation — Hauptüberlebensfaktor bei VF/VT.
  • Biphasisch 120–200 J (erster Schock), danach Eskalation; monophasisch 360 J.
  • Elektrodenposition: anterolateral (rechter Schlüsselbeinbereich + linke mittlere Axillarlinie) oder anteroposterior.
  • Rhythmuskontrolle alle 2 Min., 1 Schock bei schockbarem Rhythmus.
  • Herzdruckmassage während des Aufladens des Defibrillators fortführen.

6. Atemwegsmanagement und Beatmung

  • Bei BLS — Maske + AMBU-Beutel, 10 Atemzüge/Min. bei fortgeschrittenem Atemweg.
  • Supraglottische Atemwege (LMA, i-gel) — Alternative zur Intubation.
  • Intubation — bei entsprechender Erfahrung, mit minimaler Unterbrechung der Thoraxkompressionen (< 10 Sek.).
  • Kapnographie (EtCO₂): < 10 mm Hg — schlechte Prognose; abruptes ↑ — wahrscheinliche Rückkehr des spontanen Blutkreislaufs.

7. Venöser / intraossärer Zugang

  • Bevorzugt — peripherer i.v.-Zugang; bei Fehlschlag — intraossär (i.o.).
  • Intratracheale Verabreichung — nicht empfohlen (geringe Bioverfügbarkeit).
  • Zentraler Zugang — nur bei bereits liegendem Zugang oder viel Erfahrung, ohne Unterbrechung der Thoraxkompressionen.

8. Medikamente

  • Adrenalin 1 mg i.v./i.o. alle 3–5 Min. — bei schockbarem Rhythmus nach dem 2. Schock, bei non-shockable sofort.
  • Amiodaron 300 mg i.v. bei VF/VT nach dem 3. Schock; zweite Dosis 150 mg.
  • Lidocain 1–1,5 mg/kg — Alternative zu Amiodaron.
  • Magnesiumsulfat 2 g bei Torsades de pointes.
  • Natriumbicarbonat — nur bei Hyperkaliämie, TCA-Vergiftung, langdauernder Reanimation.
  • Calciumgluconat — Hyperkaliämie, Hypocalcämie, Kalziumkanalblocker.
  • Atropin — wird bei Asystolie nicht mehr empfohlen.
  • Naloxon — bei Opioidüberdosierung.

9. Besondere Situationen

Schwangerschaft

  • Uterusverlagerung nach links (manuell oder seitliche Neigung), um die Vena cava inferior zu entlasten.
  • Thoraxkompressionen etwas höher als üblich.
  • Perimortale Kaiserschnittentbindung innerhalb von 5 Min., wenn die CPR erfolglos ist und die Schwangerschaftsdauer > 20 SSW beträgt.

Pädiatrie

  • 15 : 2 für zwei Helfer (Kinder und Säuglinge); 30 : 2 für einen Helfer.
  • Säuglinge: „Zwei-Finger“-Technik oder „Zwei-Daumen-Umfassungsgriff“.
  • Kompressionstiefe 1/3 des anteroposterioren Brustkorbdurchmessers.
  • Adrenalin 0,01 mg/kg i.v./i.o. alle 3–5 Min.
  • Defibrillation: 2 J/kg → 4 J/kg.

Hypothermie

  • < 30 °C: 1 Schock, danach aufwärmen; Medikamente bis zu einer Temperatur von 30 °C verschieben.
  • 30–35 °C: Medikamente alle 6–10 Min.
  • „Not dead until warm and dead“ („Niemand ist tot, bevor er warm und tot ist“) — verlängerte Reanimation bei Ertrinken in kaltem Wasser.
  • ECMO / HLM bei T < 30 °C und anhaltendem Kreislaufstillstand.

10. Postreanimationsbehandlung

  • Ziel-SpO₂ 94–98 %, EtCO₂ 35–40 mm Hg, SAP ≥ 65 mm Hg.
  • 12-Kanal-EKG; bei STEMI — Notfall-PCI.
  • Zieltemperaturmanagement (TTM): 32–36 °C für 24 h bei komatösen Patienten.
  • Krampfprophylaxe, Blutzuckerkontrolle, Sedierung.
  • Prognose — frühestens nach 72 h (bei TTM — 72 h nach Erreichen der Normothermie), multimodale Diagnostik (EEG, neuronenspezifische Enolase, MRT, Klinik).

11. Kriterien für den Abbruch der CPR

  • Wiederherstellung des Spontankreislaufs (ROSC).
  • Objektive Zeichen des irreversiblen Fruchtoḍs / biologischen Todes.
  • Ausbleibende Wirkung ≥ 30 min bei korrekter Reanimation und ohne reversible Ursachen.
  • DNR-Verfügung, terminale Erkrankung.
  • Ausnahmen: Hypothermie, Vergiftungen, Lungenembolie, Kinder — eine lang anhaltende Reanimation ist gerechtfertigt.

12. FAQ

Warum sind Herzdruckmassagen wichtiger als Beatmungen?
Ohne Blutfluss stirbt das Gehirn in 4–6 min ab. Die Sauerstoffsättigung des Blutes bleibt eine gewisse Zeit erhalten; die Priorität liegt auf der Zirkulation. Hands-Only-CPR ist bei beobachteten Herz-Kreislauf-Stillständen bei Erwachsenen fast gleichwertig.

Wie vermeidet man Erschöpfung bei der CPR?
Wechsel des Helfers alle 2 min. Ermüdung bedeutet Verlust der Tiefe. Bei alleiniger Reanimation ist ein kurzes Verlangsamen zur Erholung zulässig.

Wann sollte intubiert werden?
Ohne Unterbrechung der Kompressionen, sofern Erfahrung und Ausrüstung vorhanden sind. Supraglottische Atemwegshilfen sind bei Herz-Kreislauf-Stillstand oft nicht schlechter als die Intubation.

Was ist Kapnographie bei der CPR?
EtCO₂ < 10 mm Hg nach 20 min — geringe Wahrscheinlichkeit einer ROSC. Plötzlicher Anstieg (> 35–40) — Zeichen einer ROSC ohne Unterbrechung der Kompressionen erforderlich.

Ist Natriumbicarbonat routinemäßig erforderlich?
Nein. Indiziert bei Hyperkaliämie, Trizyklika-Vergiftung, protrahierter Reanimation > 10–15 min mit nachgewiesener Azidose. Die routinemäßige Verabreichung verbessert das Ergebnis nicht.

Siehe auch: Myokardinfarkt · Arrhythmien · Anaphylaxie · Schlaganfall · Notfallkatalog

Das Material hat Bildungscharakter und ersetzt keine ärztliche Beratung. Überprüfen Sie Behandlungs- und Dosierungsschemata anhand der geltenden klinischen Leitlinien.

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