Anmelden
Geburtshilfe und Gynäkologie

Physiologische Geburt: Phasen, Biomechanismus, Partogramm und Leitung

Redaktion von WhiteCoat Pro11. April 2026Aktualisiert am 16. September 20265 Min. Lesezeit
Inhalt · 13 Abschnitte
  1. 1. Ursachen für den Geburtsbeginn
  2. 2. Prodromalphase und Vorwehenperiode
  3. 3. Diagnostik des Geburtsbeginns
  4. 4. Geburtsphasen
  5. 5. Biomechanismus der Geburt (vordere Hinterhauptslage)
  6. 6. Partogramm
  7. 7. Fetales Monitoring
  8. 8. Schmerzausschaltung
  9. 9. Aktives Management der 3. Phase
  10. 10. Neugeborenenbeurteilung
  11. 11. Anomalien und Komplikationen
  12. 12. Indikationen zur Sectio caesarea
  13. 13. FAQ

Kurz und bündig. Die Geburt ist der physiologische Prozess der Austreibung von Fetus und Plazenta. Drei Phasen: I. Eröffnungsperiode (Latenzphase bis 6 cm, aktive Phase 6–10 cm; Primiparae bis 12–20 h, Multiparae bis 7–14 h); II. Austreibungsperiode (bis 3 h bei Primiparae, bis 2 h bei Multiparae); III. Nachgeburtsperiode (bis 30 min, aktives Management reduziert Blutungen). Biomechanismus bei vorderer Hinterhauptslage: Beugung → interne Rotation → Streckung → externe Rotation. Management — Partogramm (Achtungslinie bei ≥ 4 h Stillstand in der aktiven Phase), CTG, Analgesie, aktives Management der III. Phase (10 IE Oxytocin i.m.).

1. Ursachen für den Geburtsbeginn

  • Abnahme von Progesteron, Anstieg von Östrogen und Oxytocinrezeptoren des Myometriums.
  • Zunahme von Prostaglandinen im Myometrium und Zervix.
  • Aktivierung der fetalen HPA-Achse (Cortisol → Surfactant + Plazentastimulation).
  • Uterine Dehnung, Ferguson-Reflex (Druck auf die Zervix → Oxytocin).

2. Prodromalphase und Vorwehenperiode

  • Senkung des Uterusfundus 2–3 Wochen vor der Geburt bei Primiparae.
  • Gewichtsabnahme von 0,5–1 kg.
  • Abgang des Schleimpfropfs.
  • Unregelmäßige Braxton-Hicks-Kontraktionen.
  • Pathologische Vorwehenperiode — > 6 h schmerzhafte, unregelmäßige Wehen ohne Eröffnung → geburtshilfliches Vorgehen.

3. Diagnostik des Geburtsbeginns

  • Regelmäßige Wehen ≥ 1 pro 10 min mit progressivem Anstieg.
  • Verstreichen und Eröffnung der Zervix.
  • Blasensprung (vorzeitiger Blasensprung) — bei vorzeitigem Blasensprung < 37 SSW — PPROM, > 37 SSW — vorzeitiger Blasensprung.

4. Geburtsphasen

I. Phase — Eröffnungsperiode

  • Latenzphase: vom Beginn regelmäßiger Wehen bis 6 cm (früher bis 4 cm).
  • Aktive Phase: 6–10 cm, Geschwindigkeit ≥ 1 cm/h bei Primiparae, ≥ 1,5 cm/h bei Multiparae.
  • Dauer: Primiparae bis 12–20 h, Multiparae 7–14 h.
  • Mechanismen: Kontraktion, Retraktion, Distraktion.

II. Phase — Austreibungsperiode

  • Von der vollständigen Eröffnung bis zur Geburt des Fetus.
  • Dauer: Primiparae bis 3 h, Multiparae bis 2 h; mit Periduralanästhesie — plus 1 h.
  • Zwei Phasen: passive (bis zum Pressdrang) und aktive Phase (Presswehen).
  • Management: Position der Gebärenden, CTG-Überwachung, Episiotomie nach Indikation (nicht routinemäßig).

III. Phase — Nachgeburtsperiode

  • Von der Geburt des Fetus bis zur Plazentalösung.
  • Dauer bis 30 min beim aktiven Management.
  • Plazentalösungszeichen: nach Schröder, Ahlfeld, Küstner-Chukalov, Dovzhenko.

5. Biomechanismus der Geburt (vordere Hinterhauptslage)

  1. Einstellung des Kopfes (Flexion, ausgerichtet auf den Beckeneingang).
  2. Beugung des Kopfes (Achse verläuft durch die kleine Fontanelle).
  3. Interne Rotation des Kopfes (vom obliquen in den geraden Durchmesser).
  4. Streckung des Kopfes (Geburt von Scheitel-, Stirn- und Gesichtsteil).
  5. Externe Rotation des Kopfes + interne Rotation der Schultern.
  6. Geburt der Schultern (zuerst die vordere, dann die hintere) und des Rumpfes.

Leitpunkt ist die kleine Fontanelle; Geburtsachse ist die Ebene Beckeneingang → Beckenausgang.

6. Partogramm

  • Grafische Darstellung der Geburtsdynamik: Zervixöffnung, Höhenstand des Kopfes, fetale HF, Wehen, mütterlicher Blutdruck / Temperatur.
  • «Alert line» — 1 cm/h ab 4 cm (oder 6 cm in modernen Leitlinien).
  • «Action line» — 4 Std. rechts von «alert» → Intervention (Amniotomie, Oxytocin, Kaiserschnitt).
  • WHO 2020: Partogramm ≥ 6 cm, weniger dogmatisch, individuell.

7. Fetales Monitoring

  • Intermittierende Auskultation bei Risikofaktoren niedrig: alle 15 Min. in der 1. Phase, alle 5 Min. in der 2.
  • Kontinuierliches CTG: hohes Risiko, Oxytocin-Induktion, Epiduralanästhesie, Präeklampsie, IUGR.
  • CTG-Kategorien (FIGO): normal, verdächtig, pathologisch.
  • Beurteilung der Basisfrequenz (110–160), Variabilität (5–25), Akzelerationen, Dezelerationen.
  • Bei pathologischem CTG — Kopfblut-pH/Laktat, weiteres Vorgehen (Geburtsbeschleunigung, Notfall-Sectio).

8. Schmerzausschaltung

  • Nicht-pharmakologisch: Atemtechniken, Bewegung, Wasser, TENS, Massage.
  • Distickstoffmonoxid (Lachgas) 50/50 — sicher, rasches Abklingen.
  • Regionalanästhesie: Epiduralanästhesie (L3–L4, Bupivacain/Ropivacain + Fentanyl) — Goldstandard.
  • Spinalanästhesie, kombiniert spinal-epidural — für Sectio caesarea.
  • Pudendalisblock — für operative vaginale Entbindungen, Episiotomie.
  • Parenterale Opioide (Pethidin, Remifentanil) — weniger bevorzugt, Risiko einer Neugeborenen-Atemdepression.

9. Aktives Management der 3. Phase

  • Oxytocin 10 IE i.m. nach der Geburt der vorderen Schulter.
  • Gezogener Zug an der Nabelschnur (Controlled Cord Traction) nach Plazentalösung.
  • Uterusmassage nach der Plazentageburt.
  • Senkt die postpartale Hämorrhagie (PPH) um 60 %.

10. Neugeborenenbeurteilung

  • Apgar-Score nach 1 und 5 Min.: Herzfrequenz, Atmung, Muskeltonus, Reflexe, Hautfarbe — je 0–2 Punkte.
  • 7–10 — unauffällig; 4–6 — mäßige Asphyxie; 0–3 — schwer.
  • Bei niedrigem Score — Reanimation nach Protokoll (Abtrocknen, Stimulation, Beutel-Maske-Beatmung, Intubation, Adrenalin).
  • «Haut-auf-Haut»-Kontakt, verzögertes Abnabeln ≥ 1 Min. (verbessert die Eisenreserven).
  • Frühes Anlegen an die Brust innerhalb von 1 Stunde.

11. Anomalien und Komplikationen

Wehenanomalien

  • Wehenschwäche: primär und sekundär; Therapie — Oxytocin 1 mIE/Min. mit Titration.
  • Wehenkoordinationsstörung — areaktiv/spastisch; Epiduralanästhesie, Spasmolytika.
  • Überstürzte Wehentätigkeit — Tokolyse (Hexoprenalin).

Frühkomplikationen

  • Schulterdystokie: McRoberts-Manöver (Beinbeugung), suprabupischer Druck, Woods-Manöver, Entwicklung des hinteren Armes.
  • Postpartale Hämorrhagie: 4T — Tone (Atonie), Trauma (Geburtsverletzungen), Tissue (Plazentereste), Thrombin (Koagulopathie).
  • Dammriss Grad I–IV; Episiotomie bei Indikation.
  • Nabelschnurvorfall — Notfall-Sectio.
  • Plazentalösung, Amnioninfusionssyndrom / Fruchtwasserembolie.

12. Indikationen zur Sectio caesarea

  • Elektive Indikationen: Plazenta praevia, Mehrlingsschwangerschaft (je nach Typ), Beckenendlage bei Erstgebärenden, Z. n. Sectio mit Längsschnitt, HIV mit Viruslast > 1000, Genitalherpes in aktiver Phase, Makrosomie > 4500 g bei Diabetes.
  • Akute Indikationen: akute fetale Hypoxie, Plazentalösung, Nabelschnurvorfall, Wehenkoordinationsstörung ohne Geburtsfortschritt, drohende Uterusruptur.

13. FAQ

Was bedeutet «verzögertes Abnabeln»?
Abnabeln 1–3 Min. nach der Geburt — ↑ Eisenreserven des Neugeborenen um 30 %, senkt Anämie im Alter von 6 Monaten. WHO-Standard für alle reifen Neugeborenen, insbesondere bei Kaiserschnitt.

Was bedeutet «aktives Management der 3. Phase»?
Oxytocin + kontrollierter Nabelschnurzug + Uterusmassage. Senkt die PPH um 60 %. Alternative — physiologisches Abwarten (bis zu 60 Min.), nur bei Frauen ohne Risikofaktoren.

Ist eine routinemäßige Episiotomie erforderlich?
Nein; Episiotomie — nur bei Indikation (Risiko für Dammriss III.–IV. Grad, fetaler Distress, operative vaginale Entbindung). Routinemäßige Anwendung erhöht Dammrisse III.–IV. Grades.

Wann ist eine Geburtseinleitung indiziert?
Terminüberschreitung ≥ 41 SSW, vorzeitiger Blasensprung (PROM), Präeklampsie, Gestationsdiabetes mit schlechter Einstellung, IUGR, intrahepatische Cholestase der Schwangerschaft. Zervixstatus nach Bishop — < 6 erfordert eine Präinduktion (Prostaglandine, mechanisch).

Was ist bei Schulterdystokie zu tun?
McRoberts-Position + suprapubischer Druck (HELPERR-Algorithmus). Nicht am Kopf ziehen! Bei Misserfolg — Woods-Manöver, Entwicklung des hinteren Arms, bei Bedarf — Kleidotomie oder Zavanelli-Manöver (Reposition des Kopfes und Sectio).

Siehe auch: Präeklampsie · PPH · Apgar-Score · Kaiserschnitt · Geburtshilfe-Katalog

Das Material hat Bildungscharakter und ersetzt keine ärztliche Beratung. Überprüfen Sie Behandlungs- und Dosierungsschemata anhand der geltenden klinischen Leitlinien.

Arbeiten Sie das Thema komplett im Kurs „Geburtshilfe und Gynäkologie“ durch

Hier ist die Zusammenfassung. Im Kurs finden Sie alles, was in Vorlesung und Prüfung gefragt wird.

  • 973 Seiten Skripte zu allen Themen
  • Aufgaben und Tests nach jedem Thema – wie beim Kolloquium
  • Der KI-Tutor beantwortet Ihre Fragen zum Thema jederzeit
  • 21 Video-Lektionen zum Fach

Pro Thema auf der Plattform

Lesen Sie auch