Inhalt · 13 Abschnitte
- 1. Ursachen für den Geburtsbeginn
- 2. Prodromalphase und Vorwehenperiode
- 3. Diagnostik des Geburtsbeginns
- 4. Geburtsphasen
- 5. Biomechanismus der Geburt (vordere Hinterhauptslage)
- 6. Partogramm
- 7. Fetales Monitoring
- 8. Schmerzausschaltung
- 9. Aktives Management der 3. Phase
- 10. Neugeborenenbeurteilung
- 11. Anomalien und Komplikationen
- 12. Indikationen zur Sectio caesarea
- 13. FAQ
Kurz und bündig. Die Geburt ist der physiologische Prozess der Austreibung von Fetus und Plazenta. Drei Phasen: I. Eröffnungsperiode (Latenzphase bis 6 cm, aktive Phase 6–10 cm; Primiparae bis 12–20 h, Multiparae bis 7–14 h); II. Austreibungsperiode (bis 3 h bei Primiparae, bis 2 h bei Multiparae); III. Nachgeburtsperiode (bis 30 min, aktives Management reduziert Blutungen). Biomechanismus bei vorderer Hinterhauptslage: Beugung → interne Rotation → Streckung → externe Rotation. Management — Partogramm (Achtungslinie bei ≥ 4 h Stillstand in der aktiven Phase), CTG, Analgesie, aktives Management der III. Phase (10 IE Oxytocin i.m.).
1. Ursachen für den Geburtsbeginn
- Abnahme von Progesteron, Anstieg von Östrogen und Oxytocinrezeptoren des Myometriums.
- Zunahme von Prostaglandinen im Myometrium und Zervix.
- Aktivierung der fetalen HPA-Achse (Cortisol → Surfactant + Plazentastimulation).
- Uterine Dehnung, Ferguson-Reflex (Druck auf die Zervix → Oxytocin).
2. Prodromalphase und Vorwehenperiode
- Senkung des Uterusfundus 2–3 Wochen vor der Geburt bei Primiparae.
- Gewichtsabnahme von 0,5–1 kg.
- Abgang des Schleimpfropfs.
- Unregelmäßige Braxton-Hicks-Kontraktionen.
- Pathologische Vorwehenperiode — > 6 h schmerzhafte, unregelmäßige Wehen ohne Eröffnung → geburtshilfliches Vorgehen.
3. Diagnostik des Geburtsbeginns
- Regelmäßige Wehen ≥ 1 pro 10 min mit progressivem Anstieg.
- Verstreichen und Eröffnung der Zervix.
- Blasensprung (vorzeitiger Blasensprung) — bei vorzeitigem Blasensprung < 37 SSW — PPROM, > 37 SSW — vorzeitiger Blasensprung.
4. Geburtsphasen
I. Phase — Eröffnungsperiode
- Latenzphase: vom Beginn regelmäßiger Wehen bis 6 cm (früher bis 4 cm).
- Aktive Phase: 6–10 cm, Geschwindigkeit ≥ 1 cm/h bei Primiparae, ≥ 1,5 cm/h bei Multiparae.
- Dauer: Primiparae bis 12–20 h, Multiparae 7–14 h.
- Mechanismen: Kontraktion, Retraktion, Distraktion.
II. Phase — Austreibungsperiode
- Von der vollständigen Eröffnung bis zur Geburt des Fetus.
- Dauer: Primiparae bis 3 h, Multiparae bis 2 h; mit Periduralanästhesie — plus 1 h.
- Zwei Phasen: passive (bis zum Pressdrang) und aktive Phase (Presswehen).
- Management: Position der Gebärenden, CTG-Überwachung, Episiotomie nach Indikation (nicht routinemäßig).
III. Phase — Nachgeburtsperiode
- Von der Geburt des Fetus bis zur Plazentalösung.
- Dauer bis 30 min beim aktiven Management.
- Plazentalösungszeichen: nach Schröder, Ahlfeld, Küstner-Chukalov, Dovzhenko.
5. Biomechanismus der Geburt (vordere Hinterhauptslage)
- Einstellung des Kopfes (Flexion, ausgerichtet auf den Beckeneingang).
- Beugung des Kopfes (Achse verläuft durch die kleine Fontanelle).
- Interne Rotation des Kopfes (vom obliquen in den geraden Durchmesser).
- Streckung des Kopfes (Geburt von Scheitel-, Stirn- und Gesichtsteil).
- Externe Rotation des Kopfes + interne Rotation der Schultern.
- Geburt der Schultern (zuerst die vordere, dann die hintere) und des Rumpfes.
Leitpunkt ist die kleine Fontanelle; Geburtsachse ist die Ebene Beckeneingang → Beckenausgang.
6. Partogramm
- Grafische Darstellung der Geburtsdynamik: Zervixöffnung, Höhenstand des Kopfes, fetale HF, Wehen, mütterlicher Blutdruck / Temperatur.
- «Alert line» — 1 cm/h ab 4 cm (oder 6 cm in modernen Leitlinien).
- «Action line» — 4 Std. rechts von «alert» → Intervention (Amniotomie, Oxytocin, Kaiserschnitt).
- WHO 2020: Partogramm ≥ 6 cm, weniger dogmatisch, individuell.
7. Fetales Monitoring
- Intermittierende Auskultation bei Risikofaktoren niedrig: alle 15 Min. in der 1. Phase, alle 5 Min. in der 2.
- Kontinuierliches CTG: hohes Risiko, Oxytocin-Induktion, Epiduralanästhesie, Präeklampsie, IUGR.
- CTG-Kategorien (FIGO): normal, verdächtig, pathologisch.
- Beurteilung der Basisfrequenz (110–160), Variabilität (5–25), Akzelerationen, Dezelerationen.
- Bei pathologischem CTG — Kopfblut-pH/Laktat, weiteres Vorgehen (Geburtsbeschleunigung, Notfall-Sectio).
8. Schmerzausschaltung
- Nicht-pharmakologisch: Atemtechniken, Bewegung, Wasser, TENS, Massage.
- Distickstoffmonoxid (Lachgas) 50/50 — sicher, rasches Abklingen.
- Regionalanästhesie: Epiduralanästhesie (L3–L4, Bupivacain/Ropivacain + Fentanyl) — Goldstandard.
- Spinalanästhesie, kombiniert spinal-epidural — für Sectio caesarea.
- Pudendalisblock — für operative vaginale Entbindungen, Episiotomie.
- Parenterale Opioide (Pethidin, Remifentanil) — weniger bevorzugt, Risiko einer Neugeborenen-Atemdepression.
9. Aktives Management der 3. Phase
- Oxytocin 10 IE i.m. nach der Geburt der vorderen Schulter.
- Gezogener Zug an der Nabelschnur (Controlled Cord Traction) nach Plazentalösung.
- Uterusmassage nach der Plazentageburt.
- Senkt die postpartale Hämorrhagie (PPH) um 60 %.
10. Neugeborenenbeurteilung
- Apgar-Score nach 1 und 5 Min.: Herzfrequenz, Atmung, Muskeltonus, Reflexe, Hautfarbe — je 0–2 Punkte.
- 7–10 — unauffällig; 4–6 — mäßige Asphyxie; 0–3 — schwer.
- Bei niedrigem Score — Reanimation nach Protokoll (Abtrocknen, Stimulation, Beutel-Maske-Beatmung, Intubation, Adrenalin).
- «Haut-auf-Haut»-Kontakt, verzögertes Abnabeln ≥ 1 Min. (verbessert die Eisenreserven).
- Frühes Anlegen an die Brust innerhalb von 1 Stunde.
11. Anomalien und Komplikationen
Wehenanomalien
- Wehenschwäche: primär und sekundär; Therapie — Oxytocin 1 mIE/Min. mit Titration.
- Wehenkoordinationsstörung — areaktiv/spastisch; Epiduralanästhesie, Spasmolytika.
- Überstürzte Wehentätigkeit — Tokolyse (Hexoprenalin).
Frühkomplikationen
- Schulterdystokie: McRoberts-Manöver (Beinbeugung), suprabupischer Druck, Woods-Manöver, Entwicklung des hinteren Armes.
- Postpartale Hämorrhagie: 4T — Tone (Atonie), Trauma (Geburtsverletzungen), Tissue (Plazentereste), Thrombin (Koagulopathie).
- Dammriss Grad I–IV; Episiotomie bei Indikation.
- Nabelschnurvorfall — Notfall-Sectio.
- Plazentalösung, Amnioninfusionssyndrom / Fruchtwasserembolie.
12. Indikationen zur Sectio caesarea
- Elektive Indikationen: Plazenta praevia, Mehrlingsschwangerschaft (je nach Typ), Beckenendlage bei Erstgebärenden, Z. n. Sectio mit Längsschnitt, HIV mit Viruslast > 1000, Genitalherpes in aktiver Phase, Makrosomie > 4500 g bei Diabetes.
- Akute Indikationen: akute fetale Hypoxie, Plazentalösung, Nabelschnurvorfall, Wehenkoordinationsstörung ohne Geburtsfortschritt, drohende Uterusruptur.
13. FAQ
Was bedeutet «verzögertes Abnabeln»?
Abnabeln 1–3 Min. nach der Geburt — ↑ Eisenreserven des Neugeborenen um 30 %, senkt Anämie im Alter von 6 Monaten. WHO-Standard für alle reifen Neugeborenen, insbesondere bei Kaiserschnitt.
Was bedeutet «aktives Management der 3. Phase»?
Oxytocin + kontrollierter Nabelschnurzug + Uterusmassage. Senkt die PPH um 60 %. Alternative — physiologisches Abwarten (bis zu 60 Min.), nur bei Frauen ohne Risikofaktoren.
Ist eine routinemäßige Episiotomie erforderlich?
Nein; Episiotomie — nur bei Indikation (Risiko für Dammriss III.–IV. Grad, fetaler Distress, operative vaginale Entbindung). Routinemäßige Anwendung erhöht Dammrisse III.–IV. Grades.
Wann ist eine Geburtseinleitung indiziert?
Terminüberschreitung ≥ 41 SSW, vorzeitiger Blasensprung (PROM), Präeklampsie, Gestationsdiabetes mit schlechter Einstellung, IUGR, intrahepatische Cholestase der Schwangerschaft. Zervixstatus nach Bishop — < 6 erfordert eine Präinduktion (Prostaglandine, mechanisch).
Was ist bei Schulterdystokie zu tun?
McRoberts-Position + suprapubischer Druck (HELPERR-Algorithmus). Nicht am Kopf ziehen! Bei Misserfolg — Woods-Manöver, Entwicklung des hinteren Arms, bei Bedarf — Kleidotomie oder Zavanelli-Manöver (Reposition des Kopfes und Sectio).
Siehe auch: Präeklampsie · PPH · Apgar-Score · Kaiserschnitt · Geburtshilfe-Katalog